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Zwischen Meinung und Menschlichkeit – Über Streitkultur in festlicher Zeit

Es scheint ein wiederkehrendes Phänomen zu sein: Immer wenn sich Menschen nach längerer Zeit wieder begegnen, entstehen Gespräche über Themen, die unweigerlich zu Spannungen oder gar Konflikten führen können. Besonders an Feiertagen wie Weihnachten, wenn Emotionen und Erwartungen hochschwingen, treten solche Situationen deutlich zutage.

Auch ich fand mich jüngst in einem Gespräch wieder, das sinngemäß damit endete, dass mein Gegenüber mir sagte, er habe recht, ich sei schlichtweg „doof“, und beendete das Telefonat durch abruptes Auflegen. Ein Beispiel, das symptomatisch für das ist, was man wohl als das Gegenteil von Streitkultur bezeichnen müsste. Gerade in dieser Jahreszeit, die eigentlich zu Besinnung und Miteinander einlädt, wirkt solches Verhalten besonders unpassend – und doch ist es in unserer Zeit nicht ungewöhnlich.

Aktuell wird insbesondere im Kontext globaler Konflikte, etwa im Nahost-Konflikt, deutlich, wie schnell Emotionen überhandnehmen können. Häufig begegnet man Argumenten wie dem, „die Juden hätten den Palästinensern das Land genommen“. In solchen Momenten erinnere ich gerne – gerade zu Weihnachten – daran, wo denn das Christkind vor über zweitausend Jahren geboren wurde. Diese historische Tatsache verweist darauf, dass das jüdische Volk schon seit Jahrtausenden in dieser Region beheimatet war – lange bevor aktuelle politische Auseinandersetzungen begannen. Schon Moses, so berichtet die Überlieferung, führte das Volk Israel dorthin. Ein Hinweis, der nicht als Provokation, sondern als differenzierende Perspektive verstanden werden sollte.

Was gute Streitkultur bedeutet

Wikipedia beschreibt unter dem Stichwort Streitkultur, dass zu einem respektvollen Diskussionsstil vor allem die Bereitschaft gehört, gegenteilige Argumente zuzulassen, sie sorgfältig zu prüfen und nicht vorschnell zu verwerfen. Gute Diskutanten hören einander zu, lassen ausreden, bleiben konzentriert und bemühen sich, ihre eigenen Argumente sachlich und ruhig darzulegen. Voraussetzung dafür ist Gelassenheit – eine Tugend, die heute, im Zeitalter schneller Reaktionen und empörter Debatten, zunehmend an Wert gewinnt.

Der Zweck einer Diskussion liegt, so heißt es weiter, nicht notwendigerweise darin, das Gegenüber zu überzeugen. Am Ende einer gelungenen Auseinandersetzung steht entweder eine Lösung, ein Kompromiss oder – und das ist ebenso wertvoll – die gemeinsame Einsicht in einen Dissens. Denn schon das gegenseitige Verständnis unterschiedlicher Perspektiven bereichert unser Denken und erweitert den Horizont.

Über das richtige Maß des Streitens

Eine Diskussion sollte stets der Sache dienen – nicht der Selbstbestätigung oder gar der Herabsetzung des anderen. In diesem Sinne gehört Demut zu den entscheidenden Tugenden des Diskutierens: die Fähigkeit, sich selbst nicht als Maß aller Dinge zu betrachten, sondern als Teil eines gemeinsamen Erkenntnisprozesses.

Wer ernsthaft diskutiert, will letztlich nicht siegen, sondern verstehen. Und Verständnis entsteht nur dort, wo Respekt und Hingabe an die Sache über Eitelkeit und Emotion siegen.

Gerade an Feiertagen, wenn Familie und Freunde zusammenkommen, sollten wir uns bewusst machen, dass das Ziel eines Gesprächs nicht darin liegt, das letzte Wort zu haben. Es liegt darin, Wege zu finden, Differenzen auszuhalten, Brücken zu schlagen und gemeinsame Lösungen zu suchen. So vermeiden wir unnötige Verletzungen, Missverständnisse oder das Gefühl, jemanden zurückzulassen, den wir eigentlich gerne haben.

In diesem Sinne: Möge diese festliche Zeit nicht zum Anlass hitziger Auseinandersetzungen werden, sondern zur Übung in Gelassenheit, Mitgefühl und echtem Dialog.
Frohe Feiertage – und einen friedvollen Übergang ins neue Jahr.


B.Gölden

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Bernd Gölden

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