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Bild: B.Gölden/Gemini KI

In westlichen Gesellschaften hat sich Misstrauen normalisiert. Es betrifft längst nicht mehr nur persönliche Begegnungen, sondern auch Institutionen, Systeme und Informationen. Ohne Vertrauen wird die Gesellschaft nicht laut scheitern. Sie wird leise ermüden. Und genau darin liegt die eigentliche Gefahr.

Vertrauen ist keine emotionale Zugabe, kein moralisches Beiwerk, kein Luxus stabiler Zeiten. Vertrauen ist Infrastruktur: unsichtbar, aber tragend. Dort, wo es vorhanden ist, funktioniert Gesellschaft geräuschlos. Dort, wo es schwindet, beginnt alles zu knirschen. Nicht sofort, nicht spektakulär, sondern langsam, zäh und irreversibel. Was wir derzeit erleben, ist ein struktureller Vertrauensverschleiß. Vertrauen zerfällt nicht, weil Menschen plötzlich schlechter geworden wären. Es zerfällt, weil die Übereinstimmung zwischen Erfahrung und Erwartung systematisch beschädigt wurde. Zu oft wurde zugesagt, was nicht gehalten wurde. Zu oft wurde erklärt, was sich später als unzutreffend erwies. Zu oft wurde moralisch argumentiert, wo eigentlich Interessen wirkten.

Dieser Zerfall zeigt sich zuerst im Alltag. Junge Menschen berichten mir davon, Frauen besonders deutlich. Nicht in Form politischer Analysen, sondern in persönlichen Vorsichtsregeln. Bestimmte Straßen werden gemieden, bestimmte Tageszeiten bewusst eingehalten, Straßenseiten bei außereuropäisch wirkenden Männern gewechselt.

Vertrauen als variable Größe

Nicht aus irrationaler Angst, sondern aus einem neu erlernten Kalkül. Vertrauen in den öffentlichen Raum ist kein Grundzustand mehr, sondern eine variable Größe, abhängig von Ort, Zeit und Situation.

Auffällig ist der Kontrast, den dieselben Personen beschreiben, wenn sie andere Gesellschaften erleben. Nach wenigen Stunden in den Vereinigten Arabischen Emiraten, so wird berichtet, falle diese permanente innere Wachsamkeit ab. Teure Smartphones bleiben sorglos unbeaufsichtigt auf dem Restauranttisch liegen, Bewegung im öffentlichen Raum ist auch abends selbstverständlich. Das Entscheidende daran ist nicht die Sicherheit an sich, sondern ihre Selbstverständlichkeit. Vertrauen muss dort nicht permanent reflektiert werden. Es ist einfach Teil der Ordnung.

In westlichen Gesellschaften hingegen hat sich Misstrauen normalisiert. Es betrifft längst nicht mehr nur persönliche Begegnungen, sondern auch Institutionen, Systeme und Informationen. Man kann nicht sicher sein, dass Postsendungen zuverlässig ankommen. Die Bahn folgt eher statistischen Wahrscheinlichkeiten als Fahrplänen. Sabotage ist leicht möglich, Strom fällt aus. Politische Versprechen gelten nur bis zur nächsten Pressekonferenz. Journalismus wird nicht mehr primär als Kontrollinstanz wahrgenommen, sondern als Akteur mit Agenda. Bilder verlieren ihre Evidenz, Stimmen ihre Herkunft, Texte ihre Autorenschaft.

Künstliche Intelligenz, Deepfakes, synthetische Stimmen und generierte Inhalte haben eine Schwelle überschritten, an der Authentizität nicht mehr vorausgesetzt werden kann. Was früher Ausnahme war, ist heute Möglichkeit. Und was möglich ist, wird in das mentale Kalkül integriert. Vertrauen weicht Plausibilitätsprüfungen. Gewissheit wird ersetzt durch Wahrscheinlichkeit.

Eine tiefere, moralische Erosion

Hinzu kommt eine tiefere, moralische Erosion. Der öffentliche Diskurs operiert zunehmend mit Zuschreibungen statt mit Argumenten. Moralische Überlegenheit ersetzt Nachvollziehbarkeit. Wer widerspricht, gilt nicht als Gesprächspartner, sondern als Abweichler. Vertrauen entsteht jedoch nicht durch moralischen Druck, sondern durch Berechenbarkeit. Wo Narrative angepasst und Maßstäbe situativ ausgelegt werden, entsteht keine Bindung, sondern Distanz.

Besonders verheerend wirkt der Vertrauensverlust gegenüber öffentlichen Personen. Die aktuellen Enthüllungen rund um die Epstein-Dokumente haben diesen Prozess beschleunigt. Nicht wegen der schieren Menge an Material – Millionen Seiten, Bilder, Videos –, sondern wegen der Erkenntnis, dass moralische Fassaden systematisch trügen. Wer gestern noch als moralische Instanz galt, erscheint heute als Teil eines Systems, das sich seiner eigenen Kontrolle entzogen hat. Was hier zerbricht, ist nicht nur das Vertrauen in Einzelpersonen, sondern in die Idee, dass Öffentlichkeit automatisch Kontrolle bedeutet.

Was geschieht mit einer Gesellschaft, in der Misstrauen die Lufthoheit gewinnt? Zunächst zieht sie sich zurück. Menschen reduzieren ihre sozialen Risiken, ihre Offenheit, ihre Bereitschaft zur Kooperation. Beziehungen werden vorsichtiger, Netzwerke homogener, Milieus geschlossener. Vertrauen wird nicht mehr grundsätzlich vergeben, sondern nur noch innerhalb enger Kreise. Langfristig verändert das den Charakter einer Gesellschaft. Innovation leidet, weil sie Vertrauen in Prozesse und Akteure voraussetzt. Unternehmen verlassen gerade in Kohorten Deutschland. Solidarität erodiert, weil sie ohne Grundvertrauen nicht tragfähig ist. Verantwortung wird entweder delegiert oder verweigert.

Ein Teufelskreis: Weniger Vertrauen, mehr Kontrolle, Überwachung, Gewalt

Der Staat reagiert mit mehr Kontrolle, mehr Regulierung, mehr Überwachung – nicht aus Bosheit, sondern aus Misstrauen gegenüber den eigenen Bürgern. Ein Teufelskreis entsteht.

Historisch ist dieses Phänomen bekannt. Späte Republiken und ausgehöhlte Imperien zeichnen sich weniger durch offene Gewalt aus als durch den Verlust gemeinsamer Selbstverständlichkeiten. In der späten römischen Republik wich das Vertrauen in Institutionen sowie die Loyalität zu Personen. In der Weimarer Republik unterhöhlten Dauerkrisen und moralische Polarisierung die Legitimität des Gemeinwesens. Wo Vertrauen fehlt, tritt Kontrolle an seine Stelle. Wo Kontrolle versagt, die Gewalt.

Vertrauen lässt sich nicht per App, Kampagne oder Gesetz wiederherstellen. Es entsteht aus Konsistenz, aus Wiederholung, aus der Erfahrung, dass Worte Folgen haben und Zusagen gelten. Eine Gesellschaft, die Vertrauen zurückgewinnen will, muss aufhören, es rhetorisch zu beschwören, während sie es praktisch unterminiert.

Sie muss Sicherheit gewährleisten, Wahrheit wieder priorisieren und Verantwortung sichtbar übernehmen. Ohne Vertrauen wird die Gesellschaft nicht laut scheitern. Sie wird leise ermüden. Und genau darin liegt die eigentliche Gefahr.

Vertrauen zerfällt nicht plötzlich, es wird verbraucht. Jede gebrochene Zusage, jede beschönigte Statistik, jede moralische Überhöhung bei gleichzeitiger Realitätsverweigerung nagt an diesem Vorrat. Denken Sie an Angela Merkel und ihren berühmten Satz im Peer-Steinbrück-TV-Duell 2013: „Sie kennen mich.“ Der Satz war ein geschicktes, vertrauensbildendes Mittel in ihrem Wahlkampf. Vertrauen wurde nicht mehr begründet, sondern vorausgesetzt. Vielleicht war genau das der Moment, in dem Vertrauen in Deutschland begann, sich rapide selbst zu verbrauchen.

Markus Langemann

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Redaktion

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