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16-Jährige mutmaßlich vergewaltigt: Neuköllner Jugendclub und Jugendamt schalteten Polizei nicht ein – trotz Hinweisen

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Bild: B.Gölden/KI

Eine Jugendliche berichtet von einer Vergewaltigung in einem Jugendclub, doch die Verantwortlichen informieren nicht die Polizei. Der Fall wirft Fragen nach Versäumnissen beim Kinderschutz auf.

Stand: 11.03.2026, 15:49 Uhr

In einem Neuköllner Jugendclub soll es zu einer Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen auf eine 16-jährige Schülerin gekommen sein. Nach Tagesspiegel-Recherchen waren die Vorwürfe sowohl dem staatlich betriebenen Jugendclub als auch dem zuständigen Jugendamt des Bezirksamts teils über Monate bekannt.

Selbst als die Einrichtung, das Jugendamt und sogar die Amtsleiterin Ende Januar vom Vorwurf der Vergewaltigung erfuhren, schalteten die Verantwortlichen die Polizei nicht ein und stellten keine Strafanzeige. Im Gegenteil: Das Jugendamt entschied sich bewusst dagegen, die Polizei zu informieren. Intern wurde das damit begründet, dass durch Ermittlungen die arabischstämmigen Jugendlichen stigmatisiert würden. Zuerst hatte „Bild“ am Mittwoch darüber berichtet.

Laut Tagesspiegel-Recherchen war das Jugendamt bereits seit Spätsommer 2025 darüber informiert, dass mehrere Mädchen sexuelle Übergriffe in dem Jugendzentrum in der Wutzkyallee beklagt hatten. Das Bezirksamt hatte aber bereits daraus keine Konsequenzen gezogen.

Nun ermittelt die Polizei gegen acht Jungen, sie sollen zwischen 15 und 19 Jahren alt sein. Sie sollen bereits zuvor polizeibekannt gewesen sein, vor allem mit Jugendgruppengewalt.

Im Januar 2026 sollen die Jungen die türkisch-kurdische Schülerin in einen hinteren Raum des Jugendklubs getragen, auf eine Couch geworfen, sich abwechselnd auf sie gelegt, sexuell bewegt und die Jugendliche angefasst haben. Ein weiterer Junge soll an der Tür Schmiere gestanden haben. Erst als eine Mitarbeiterin den Vorfall bemerkte, sollen die Jugendlichen von der Schülerin abgelassen haben.

Später im Januar offenbarte das Mädchen, dass sie bereits im November 2025 abends im Garten der Einrichtung vergewaltigt worden sei. Der damals 17-jährige mutmaßliche Täter soll die Tat gefilmt und ihr gedroht haben: „Ich will dich hier jeden Montag sehen, sonst schicke ich das deinen Eltern“, berichtet „Bild“. Weitere Jungen aus der Gruppe sollen dem Bericht zufolge von dem Video erfahren und das Mädchen verfolgt haben. Sie sollen verlangt haben, auch die 14-jährige Schwester der Jugendlichen zu treffen.

Obwohl der Jugendclub und seit 28. Januar auch das Jugendamt Kenntnis von den Vorwürfen hatten, hat keiner der Verantwortlichen die Polizei informiert. Zunächst geschah nichts, wegen der Winterferien und Urlaubszeit verstrichen mehrere Wochen. Danach sprach sich das Jugendamt trotz klarer Hinweise, dass bei einem Verbrechen die Polizei informiert werden müsse, Mitte Februar aktiv dagegen aus.

Man wolle „den Ball flach halten“, damit die mutmaßlichen Täter nicht pauschal mit der Aussage „typisch Muslime“ stigmatisiert würden. Auch solle verhindert werden, dass bei einer Strafanzeige plötzlich alle Jungen aus dem Jugendclub pauschal von der Polizei verdächtigt werden. Stattdessen ist in der Einrichtung nach Tagesspiegel-Informationen die Tür des hinteren Raums ausgehängt und mit den Besucherinnen ein Safewort vereinbart worden, das sie im Falle einer Bedrohung äußern könnten.

Das verzweifelte Mädchen schaffte es dann nur mit externer Hilfe, sich ihren Eltern zu offenbaren. Erst am 23. Februar stellte eine erfahrene Polizeibeamtin aus Neukölln, die häufig mit sexuellen Belästigungen unter Jugendlichen und Erpressung mit Handyvideos zu tun hat, Strafanzeige von Amts wegen.

Für die Jugendliche wurde eine Videovernehmung beim Landeskriminalamt organisiert, damit sie nicht mehrfach aussagen muss und nicht retraumatisiert wird. Die Polizei hat auch das Handy des Beschuldigten beschlagnahmt. Der Vater des Mädchens soll laut „Bild“-Bericht auch Anzeige gegen Verantwortliche im Jugendclub und des Bezirks gestellt haben.

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft erklärte auf Nachfrage lediglich, dass die Behörde das Verfahren am 26. Februar übernommen habe. „Weitere Auskünfte können zum Schutz der Ermittlungen derzeit nicht erteilt werden“, sagte der Sprecher.

Ein Sprecher des Neuköllner Bezirksamts wollte den von „Bild“ erhobenen Vorwurf, der Jugendclub habe zu der mutmaßlichen Vergewaltigung aus Sorge vor pauschaler Stigmatisierung der jugendlichen, muslimischen Tatverdächtigen intern „den Ball flach halten“ wollen, auf Nachfrage nicht bestätigen.

Er gab jedoch zu, dass weder Mitarbeitende des Jugendclubs noch das Jugendamt trotz Kenntnis der Vorwürfe die Polizei informiert oder Anzeige erstattet haben. „Das Jugendamt hat keine Anzeige gestellt, da dem Jugendamt weder vom Opfer noch vom Täter die Namen bekannt sind“, erklärte der Sprecher des Bezirksamts. Tatsächlich hat das Mädchen bei der Polizei die Tatverdächtigen genau benannt.

Jugendstadträtin stellt nachträglich Strafanzeige

Der Bezirksamtssprecher sagte, der Jugendclub habe das Jugendamt aber unmittelbar nach Bekanntwerden der Anschuldigungen bis hin zur Amtsleiterin informiert. Nach Informationen des Tagesspiegels soll der Hinweis dort jedoch zunächst versandet sein. Die zuständige Neuköllner Jugendstadträtin Sarah Nagel (Linke) sei erst am 2. März informiert worden, erklärte die Behörde.

Nagel nannte die Vorfälle erschütternd. Dass das Jugendamt keine Strafanzeige gestellt habe, sei „nach dem heutigen Kenntnisstand“ ein Fehler. Sie habe nun selbst noch einmal Strafanzeige gegen unbekannt erstattet – pro forma, denn die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits gegen mehrere Jugendliche. Sie habe eine Untersuchung der Vorfälle und des Umgangs des Jugendamtes damit veranlasst, das sei ihr ein persönliches Anliegen.

Es ist ein Unding, dass hier offensichtlich die muslimischen Täter geschützt werden, um sie nicht zu stigmatisieren, und das Opfer wird im Stich gelassen.

Falko Liecke (CDU), Jugendstaatssekretär

„Ziel ist eine lückenlose Aufklärung und vor allem wirksame Maßnahmen zum Schutz der Neuköllner Jugendlichen“, sagte Nagel. Die Aufklärung werde extern begleitet, die Schutzkonzepte des Jugendclubs überprüft. Gegen die mutmaßlichen Täter sei für den Jugendclub ein Hausverbot ausgesprochen worden, sagte Nagel.

Innensenatorin Iris Spranger (SPD) bestätigte den Fall und forderte am Mittwoch Aufklärung: „Die Polizei hat sofort reagiert und das sofort an das Landeskriminalamt übermittelt. Die Zusammenarbeit von Polizei, LKA und Staatsanwaltschaft hat sehr gut funktioniert“, sagte Spranger. „Was nicht funktioniert hat, müssen das Bezirksamt, die zuständige Stadträtin und die zuständige Senatsverwaltung aufklären. Aufklärung in diesem Fall wäre sehr wichtig.“ Auch Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel erklärte, die Kriminalpolizei sei sofort aktiv geworden, als sie informiert worden sei. 

Staatssekretär will Fallkonferenz einberufen

„Ich habe vom Bezirksamt Informationen zu dem Fall angefordert. Wir erwägen eine Fallkonferenz, um die Abläufe zu überprüfen. Wir werden auch prüfen müssen, ob wir aufsichtsrechtliche Maßnahmen einleiten“, sagte Jugendstaatssekretär Falko Liecke (CDU) dem Tagesspiegel. Die Pflicht zur Untersuchung der Vorfälle in der öffentlichen Einrichtung liege aber zunächst beim Bezirksamt. Er lasse aber prüfen, ob die berlineinheitlichen Vorgaben und Ausführungsvorschriften zum Kinderschutz vom Bezirk umgesetzt wurden.

„Es ist ein Unding, dass hier offensichtlich die muslimischen Täter geschützt werden, um sie nicht zu stigmatisieren, und das Opfer wird im Stich gelassen. Diese Haltung ist ein völliges No-Go“, sagte Liecke. „Offensichtlich sollte dieser Fall politisch unter den Teppich gekehrt werden. Er wurde im Bezirksamt nicht auf die Tagesordnung gesetzt, obwohl dies hätte stattfinden müssen.“ Dass das Jugendamt keine Strafanzeige gestellt habe, sei ein Skandal und müsse Konsequenzen haben.

Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) sprach von einem erschütternden Fall. Strukturen und Abläufe im Jugendamt müssten einer selbstkritischen internen Überprüfung unterzogen werden. „In diesem Zusammenhang wäre eine Erhebung zum Thema sexueller Übergriffe in Jugendfreizeiteinrichtungen angezeigt, um systematische Verbesserungen erarbeiten zu können. Dazu wird sich das Bezirksamt beraten.“

Die Grünen-Fraktion der Bezirksverordnetenversammlung Neukölln forderte Aufklärung und erklärte, Opferschutz müsse immer oberste Priorität haben. „Jugendclubs sind für viele junge Menschen in Neukölln das zweite Zuhause. Gerade deshalb darf es keinen Zweifel daran geben, dass unsere Jugendeinrichtungen sichere Orte sind“, erklärte Beate Bruker, Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses. Die Jugendstadträtin und der Jugendclub müssten erklären, wieso die Polizei erst so spät eingeschaltet wurde. Auch das Schutzkonzept der Jugendeinrichtung müsse sofort auf den Prüfstand.

Quelle: Tagesspiegel

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