Warum ADHS leicht fehldiagnostiziert werden kann und welche anderen Ursachen hinter den Symptomen stecken
Gesunder Schlaf ist für die neurologische Entwicklung von Kindern unverzichtbar, während Schlafstörungen ADHS-ähnliche Symptome auslösen können. Bild: Gemini KI
Symptome, die einer Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern ähneln, können vielfältige Ursachen haben.
Liz Moores Sohn Bodin hatte von Geburt an Schwierigkeiten: Er hatte Probleme beim Essen und Schlafen, gefolgt von Entwicklungs- und Lernverzögerungen und kein normales Sozialverhalten. Schließlich erhielt er im Alter von sechs Jahren eine ADHS-Diagnose.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Moore bereits das Buch „Sleep Wrecked Kids“ gelesen, das einen Zusammenhang zwischen der Gesundheit der Atemwege und Verhaltens- und Lernproblemen herstellt. Sie war überzeugt, dass sie mehr tun konnte, als einfach zu akzeptieren, dass ihr Sohn eine neurologische Entwicklungsstörung hatte.
„Ich wusste, dass etwas nicht stimmte, und begann mit der am wenigsten invasiven Maßnahme“, erzählte die Sporttrainerin Moore gegenüber Epoch Times. Zunächst überzeugte sie Bodins Zahnarzt, ihm einen Gaumenexpander einzusetzen, um seine Atemwege zu öffnen. Bodin hörte daraufhin auf, ins Bett zu machen, schlief aber immer noch nicht durch.
Als Nächstes brachte Moore ihn zu einem HNO-Arzt, der Bodins Mandeln und Polypen operativ entfernte. Der Arzt stellte fest, dass seine Atemwege zu einem großen Teil durch vergrößerte Polypen blockiert waren.
Bodin wurde danach laut Moore ein anderes Kind. Er ist jetzt kontaktfreudig, schulisch begabt, schläft gut und treibt Sport. Seine Geschichte zeigt, dass Symptome einer Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) manchmal auf körperliche Ursachen außerhalb des Gehirns zurückzuführen sein können, die dennoch Auswirkungen auf das Gehirn haben können.
Bodin ist kein Einzelfall. Seit zwölf Jahren begleitet Maria Rickert Hong Familien, die die ADHS-Symptome durch die Behandlung zugrunde liegender Gesundheitsprobleme verbessert haben. Hong ist zertifizierte ganzheitliche Gesundheitsberaterin und Mitbegründerin von Documenting Hope, einer gemeinnützigen Organisation, die mögliche Ursachen und Lösungen für Entwicklungsstörungen aufzeigt.
„Es gibt so viele Ursachen, die man untersuchen kann“, sagte Hong gegenüber Epoch Times. „Oftmals tarnt sich ADHS als etwas anderes.“
ADHS oftmals fehlinterpretiert
Ein umfassender Artikel über Diagnose und Therapiemöglichkeiten in der Fachzeitschrift „Neuropediatrics“ beschreibt, dass Epilepsie, Schilddrüsenerkrankungen, Schlafstörungen, Wechselwirkungen zwischen Medikamenten, Anämie und Leukodystrophie (genetische Erkrankungen, die das Gehirn beeinträchtigen) alle ADHS imitieren können und zunächst ausgeschlossen werden sollten, wenn der Verdacht besteht, dass ein Kind ADHS hat.
Laut einer in „Brain Science“ veröffentlichten Studie gibt es jedoch Bedenken, dass tatsächlich andere medizinische Erkrankungen immer korrekt ausgeschlossen werden können, was zu einer höheren Fehldiagnoserate bei ADHS führt.
Es gibt auch noch andere Erkrankungen – darunter Atemstörungen und entzündliche Darmerkrankungen –, die ebenfalls ähnliche Symptome wie ADHS aufweisen, insbesondere Unaufmerksamkeit, so das Fazit der Studie.
Vier Ursachen für ADHS-ähnliche Symptome
Verschiedene Beschwerden und Gewohnheiten können Symptome auslösen, die ADHS ähnlich sind oder die Erkrankung begünstigen.
1. Schlechter Schlaf und nächtliche Atemprobleme
Schlafstörungen – insbesondere schlechte Atmung während des Schlafs – können das Gehirn in jedem Alter beeinträchtigen. Kinder, die keinen guten Schlaf bekommen, haben ein hohes Risiko für Verhaltensauffälligkeiten wie Hyperaktivität.
„Viele Kinder werden wegen ADHS medikamentös behandelt, obwohl es sich in Wirklichkeit um eine schlafbezogene Atmungsstörung handelt“, so die Sprachtherapeutin Nicole Goldfarb gegenüber Epoch Times. „Das ist für Eltern manchmal nicht so offensichtlich, es sei denn, sie sind mit ihrem schlafenden Kind im Zimmer.“
Goldfarb selbst führte die Unfähigkeit ihres Sohnes, als Kleinkind im Musikunterricht stillzusitzen, zunächst auf ADHS zurück. Aus Angst, ihn in seiner Nachtruhe zu stören, schaute sie nachts selten nach ihm. Als sie ihn schließlich beobachtete, war sie geschockt, als sie sah, wie er schnarchte, nach Luft schnappte und sich hin und her wälzte.
Es stellte sich heraus, dass er extrem große Mandeln und Polypen hatte, die entfernt werden mussten – eine von vielen Ursachen für schlafbezogene Atmungsstörungen bei Kindern.
Später erfuhr sie, dass ihr Sohn auch an einer periodischen Bewegungsstörung der Gliedmaßen litt, einer Erkrankung, die mit einem niedrigen Eisen-/Ferritinspiegel zusammenhängt und ebenfalls ADHS-ähnliche Symptome hervorrufen kann, da sie den Schlaf stört.
Kinder mit Atembeschwerden während des Schlafs leiden unter Sauerstoffmangel und fragmentiertem Schlaf – beides sind Faktoren, die laut Untersuchungen Entzündungen begünstigen, die die Gehirnstruktur beeinträchtigen und insbesondere Aufmerksamkeitsdefizite verursachen können.
Weitere Anzeichen für nächtliche Atemprobleme sind Husten oder Atemaussetzer, nächtliches Schwitzen, Zähneknirschen, häufiges nächtliches Aufwachen, Mundatmung, Bettnässen und ADHS-ähnliche Symptome wie Konzentrationsschwäche, Impulsivität und Hyperaktivität.
Kinder mit frühkindlichen Schlafstörungen hatten laut einer in Pediatrics veröffentlichten Studie mit 11.000 Kindern im Alter von vier Jahren ein um bis zu 60 Prozent höheres Risiko für Verhaltensauffälligkeiten und im Alter von sieben Jahren ein um bis zu doppelt so hohes Risiko als Kinder ohne Schlafstörungen. Je schwerwiegender die Schlafprobleme waren, desto schwerwiegender waren auch die Verhaltensauffälligkeiten, wobei Hyperaktivität am häufigsten auftrat.
2. Sehstörungen
Eine umfassende, in „Molecular Psychiatry“ veröffentlichte Übersicht fand einen Zusammenhang zwischen ADHS und Sehstörungen, wie Schwierigkeiten bei der Unterscheidung subtiler Farbunterschiede, verminderter Kontrastempfindlichkeit, Problemen beim Wechseln des Fokus zwischen entfernten und nahen Objekten, unkoordinierten Augenbewegungen, Schielen und trägen Augen.
Sehbeeinträchtigungen können nicht nur die kognitiven Fähigkeiten, sondern auch die psychosoziale Entwicklung beeinträchtigen, da sie die Teilnahme an einer Vielzahl von Aktivitäten einschränken können, so die Studie.
Ein möglicher Grund ist laut Forschern, dass das Gehirn übermäßig viele Ressourcen für visuelle Aufgaben aufwendet und dadurch Teilen des Gehirns, die für die anhaltende Aufmerksamkeit zuständig sind, Verarbeitungsleistung entzieht. Eine weitere Erklärung ist laut einer Studie, dass es schwierig ist, sich auf Aufgaben wie Lesen zu konzentrieren, wenn die Augen nicht richtig funktionieren.
„Funktionelle Sehprobleme sind Probleme des Gehirns. Das Sehen ist die Art und Weise, wie unser Gehirn alle Informationen, die in die Augen gelangen, filtert, organisiert und verarbeitet, um ihnen eine Bedeutung zu geben, und dann die entsprechenden Handlungen anweist“, sagte Dr. Bryce Appelbaum, Optiker mit Zusatzausbildung in Entwicklungs- und Verhaltensoptometrie. „Das Sehen steuert das Verhalten.“
3. Übermäßige Bildschirmzeit
„Da die Bildschirmzeit mittlerweile einen so großen Teil des Lebens unserer Kinder und unseres eigenen Lebens einnimmt, entsteht eine ganz neue visuelle Belastung“, sagte Appelbaum über eine weitere Herausforderung für die Augen. „Wir verlangen von unserem Gehirn und unseren Augen Dinge, für die wir als Menschen nicht ausgerüstet sind.“
Beim Lesen auf einem Bildschirm würden andere Augenbewegungen verwendet als beim Lesen auf einer Seite, sagte er und wies darauf hin, dass Helligkeit, Kontrast und Bildschirmlicht die Augenkoordination und die Fokussierung belasten. Das Trainieren und Stärken der Augen abseits von Bildschirmen kann dazu beitragen, Seh- und ADHS-Probleme zu beheben, sagte er.
Zudem zeigen Studien, dass übermäßige Bildschirmzeit die Struktur des Gehirns zu verändern scheint. Es führt unter anderem zu einem kleineren kortikalen Volumen, was mit ADHS in Verbindung gebracht wird.
Eine Metaanalyse, die neun Studien mit insgesamt 81.234 Kindern berücksichtigte, kam zu dem Ergebnis, dass Kinder, die mehr als 2 Stunden pro Tag vor dem Bildschirm verbrachten, mit einer um etwa 50 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit ADHS-ähnliche Symptome aufwiesen als Kinder, die weniger als 2 Stunden pro Tag vor dem Bildschirm saßen.
„Daher ist es notwendig, die tägliche Bildschirmzeit bei Kindern zu reduzieren, um das Auftreten von ADHS zu verhindern“, schrieben die Autoren.
Eine in „Environmental Research“ veröffentlichte Fallstudie zeigte, dass die ADHS-Diagnose eines 9-jährigen Jungen nach einer Reduzierung der exzessiven Bildschirmzeit von mehr als sieben Stunden täglich und einer früheren Schlafenszeit um eine Stunde aufgehoben werden konnte. Erste Besserungen wurden bereits zwei Wochen nach einer schrittweisen Verringerung der Zeit für Videospiele und einem Entfernen aller technischen Geräte aus dem Schlafzimmer des Jungen dokumentiert.
4. Zu wenig Protein
Eine weitere Lösung für Aufmerksamkeits- und Verhaltensprobleme könnte einfacher sein, als es scheint: Laut Julia Ross, einer Pionierin auf dem Gebiet der Neuronährstoffe, liegt der Schlüssel darin, ausreichend Protein zu sich zu nehmen.
Vollwertiges Protein – enthalten in Fleisch, Fisch, Eiern, Milchprodukten und Soja – enthält Aminosäuren wie Tyrosin und Tryptophan, aus denen das Gehirn Neurotransmitter herstellt, die Aufmerksamkeit, Stimmung und Verhalten steuern. Menschen mit ADHS haben oft einen niedrigen Spiegel an Dopamin, Noradrenalin und Serotonin, in die diese Aminosäuren umgewandelt werden.
Neurotransmitter werden laut Untersuchungen auch durch Bewegung, Koffein und Schlaf beeinflusst. Stimulierende Medikamente gegen ADHS wirken ebenfalls, indem sie vorübergehend den Dopamin- und Noradrenalinspiegel erhöhen.
Ross erzählte das Fallbeispiel eines hyperaktiven Jungen, der während der Sitzung gemeinsam mit seiner Mutter voll und ganz bei der Sache war, aber nur, wenn er im Zimmer herumrennen durfte. Nachdem er eine kaubare Form von niedrig dosiertem Tryptophan namens 5-HTP eingenommen hatte, beruhigte er sich, setzte sich neben seine Mutter und blieb weiterhin aufmerksam.
Später, so Ross, verließ seine Mutter den Raum. Er aß ein Bonbon aus seiner Tasche und war sofort wieder hyperaktiv. Auch der Zuckerkonsum steht laut Studien in einem positiven Zusammenhang mit ADHS.
Ross selbst ist von einem Zusammenhang zwischen der heutigen Ernährung und einem Anstieg an neurologischen Erkrankungen überzeugt. „Die Kinder und Erwachsenen, die zu uns kommen, sind heute in einem viel schlechteren Zustand. Vor den 1970er-Jahren, als unsere Ernährung noch vollständige Proteine, gesunde Fette und moderate Kohlenhydrate enthielt, gab es diese Epidemien von Depressionen, Angstzuständen, ADHS, Sucht und Autismus noch nicht“, so Ross.
Die richtigen Lösungsansätze finden
Hong empfiehlt, ADHS als eine Erkrankung des gesamten Körpers zu betrachten und zunächst einfache Lösungen auszuprobieren. Das kann bedeuten, die Ernährung des Kindes mit mehr Mineralstoffen anzureichern oder sich selbst und Ihrem Kind Entspannungstechniken beizubringen. Es ist auch hilfreich, dabei mit einem Arzt zusammenzuarbeiten, der die vollständige Krankengeschichte Ihres Kindes, einschließlich Geburtstraumata, gründlich untersucht, um zugrunde liegende Erkrankungen zu identifizieren. Eltern wie Moore, die weiter recherchieren, sind oft erfolgreich, so Hong über ihre Erfahrungen.
Moore setzt aktuell, obwohl Bodin sich sehr gut entwickelt, seine kieferorthopädische Behandlung fort – mit einer Zahnspange und einer Zahnschiene, um einen breiten Gaumen für eine bessere Atmung zu erhalten.
Nachdem sie Bodins Verwandlung miterlebt hat, ist Moore laut eigenen Angaben enttäuscht, dass nicht mehr Ärzte darin geschult waren, Atemwegs- und andere körperliche Probleme zu erkennen, die Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern vortäuschen. Sie hat das Gefühl, sechs Jahre lang ihren Sohn nicht richtig kennengelernt zu haben, dessen Aufmerksamkeitsdefizite und Entwicklungsverzögerungen ihn daran hinderten, bis nach der Operation ein sinnerfassendes Gespräch zu führen.
„Wir hatten neulich ein Elterngespräch, und sein Lehrer sagte, dass alle mit ihm zusammen zu Mittag essen wollen“, berichtete Moore. „Er ist lustig. Er ist kontaktfreudig. Er spielt jetzt in den Pausen Kickball und Basketball, was er vorher nie getan hätte. Er hat mit Karate angefangen – all diese unterschiedlichen Dinge hätte er früher nie gemacht.“
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „ADHD Is Easily Misdiagnosed – Here Are Some Alternative Causes“. (redaktionelle Bearbeitung bep.)
