Brennpunkt Schule: Wie schlimm ist es wirklich in der Pfalz?
Problemort Schule: Betroffene schildern gewaltvolle Zustände, an denen Lernen Nebensache ist. Archivfoto: dpa
Fehlende Kita-Plätze, verzweifelte Lehrer, schlechte Ergebnisse bei Bildungsstudien, Schüler ohne Deutschkenntnisse, marode Gebäude – die Bildungsmisere in Rheinland-Pfalz besteht schon länger. Nach dem Amokalarm am 29. Oktober an der Karolina-Burger-Realschule plus in Ludwigshafen-Mundenheim (800 Schüler) wurden mit einem Brandbrief des dortigen Kollegiums die Zustände und Gewaltprobleme an der Brennpunktschule publik. Der Protestbrief der Lehrkräfte, zugleich ein Hilferuf, hatte es in sich. Die Spitze eines Eisbergs?
„Wir wollen wissen, mit welchen Herausforderungen Schulen kämpfen.“ Mit diesem Satz begann RHEINPFALZ-Chefredakteur Yannick Dillinger seinen am 7. November veröffentlichten Leitartikel zum Thema „Brennpunkt Schule“. Verbunden war der Text mit einem Aufruf an Betroffene, sich zu melden. Die Resonanz darauf war riesig. So viele Zuschriften haben die Redaktion selten zu einem einzigen Thema erreicht: über 100 E-Mails und Leserbriefe. Die RHEINPFALZ hat Schilderungen gesichtet, Themen weiter recherchiert und den „Brennpunkt Schule“ in der Pfalz in einem großen Schulreport mit wöchentlich mehreren Artikeln beleuchtet. Eine Übersicht über die Zuschriften – und ein Blick in ungeschminkten Schulalltag:
Was sagen sie?
„Es gibt jeden Tag Gewalt unter den Schülern mit null Konsequenzen.“„Gewalt ist Teil der Wahrheit. Viele Schulen versuchen, Vorfälle zu vertuschen – aus Angst um ihren Ruf.“„Wir Lehrkräfte verbringen inzwischen mehr Zeit mit Krisenmanagement … als mit Wissensvermittlung.“ „Immer häufiger sehen wir uns gezwungen, Schülerinnen und Schüler vom Unterricht auszuschließen, da die Sicherheit anderer nicht mehr gewährleistet werden kann.“ „Auf dem Pausenhof hat sich längst ein Parallelsystem und Selbstjustiz etabliert.“„Selten war die Situation so belastend und zugleich so ernüchternd wie heute.“
„Wenn man Dinge – auch schulintern – kritisiert, … gilt man als Nestbeschmutzer.“ „Viele Lehrkräfte fühlen sich mundtot gemacht.“ „Wir müssen um Repressionen fürchten, wenn wir Probleme öffentlich anprangern.“
„Toiletten werden mit Kot beschmiert.“ „Die Kommunen lassen die Schulgebäude zu Millionengräbern verkommen.“„Als Konsequenz haben wir Schüler in Klasse 5, die nicht lesen, schreiben oder rechnen können.“„Wir produzieren Schulversager.“ „Kinder haben komplett utopische Selbsteinschätzungen.“ „Lehrer müssen den Interessen der Eltern folgen, um ihnen Ganztagsarbeit zu ermöglichen oder ihren individuellen Lebensstil zu verwirklichen.“
„Der Unterrichtsausfall ist hoch, er taucht aber nicht in der Statistik auf, weil Lehrer Mehrarbeit machen.“ „Unter den Rahmenbedingungen bleibt Inklusion eine Illusion.“ „Bildung hatte nie eine Lobby.“ „Wir brauchen eine Bildungspolitik, die die Realität an den Schulen endlich ernst nimmt.“ „Die Landesregierung verspielt sehenden Auges die Zukunft unserer Kinder und bringt ihre Landesbeamten zum Schweigen.“
Wer schreibt?
Betroffene aus der ganzen Pfalz melden sich: aus Frankenthal, Landstuhl (Kreis Kaiserslautern), Zweibrücken, Pirmasens, Germersheim oder Schifferstadt (Rhein-Pfalz-Kreis) – vor allem Lehrkräfte: und zwar aller Schularten – von Grund- und Förderschule über Realschulen plus bis zu Berufsbildenden Schulen –, aber auch Schulleitungen, Eltern und Schulelternbeiräte, Schulsozialarbeiter, Lerntherapeuten sowie externe Bildungsakteure wie Theaterpädagogen. Schwerpunkt sind die Zustände an Realschulen plus in Ludwigshafen.
Was ist deren Intention?
Aus Furcht vor und aus Loyalität gegenüber dem Land als Arbeitgeber wollten fast alle Lehrkräfte zunächst anonym bleiben. Manche äußerten sich später doch noch öffentlich, wie etwa die Ernst-Reuter-Realschule plus in Ludwigshafen und danach fast alle Leitungen der Realschulen plus der Stadt am Rhein.
Alle eint der Gedanke, die Missstände offenlegen und wachrütteln zu wollen, damit „sich etwas ändert“: dass Politik und Schulträger endlich handeln. Für die Pädagogik und die Personalausstattung an Schulen ist das rheinland-pfälzische Bildungsministerium verantwortlich, für die Infrastruktur der Gebäude die jeweiligen Kommunen als Schulträger.
„Unsere Kinder verdienen eine Schule, in der sie nicht nur gut lernen, sondern auch sicher und gesund aufwachsen können“, fordern etwa der Schulelternbeirat der Brüder-Grimm-Grundschule in Ludwigshafen-Süd zusammen mit dem Kollegium und der Schulleitung in einem offenen Brief an den Schulträger.
Welche Hauptproblemfelder werden von fast allen genannt?
Benannt werden Gewalt, eskalierendes Verhalten der Schüler untereinander und gegenüber den Lehrkräften sowie schlechtes Schulklima (Stichwort „Ramboklassen“ und Fäkalsprache), Vandalismus und Personalmangel. „Verbale und körperliche Angriffe gehören inzwischen zum Alltag“, heißt es in einem Brief einer Schule in Frankenthal. Ein Realschullehrer aus Ludwigshafen berichtet von Böllerangriffen auf ihn und eine Kollegin. Das scheinen keine Einzelfälle, die Polizei werde öfter gerufen.
Auch zu große Klassen, marode Gebäude, akute Raumnot und gesperrte Sporthallen werden häufig thematisiert – „Wir müssen im Winter bei acht Grad Celsius mit Mütze und Mantel unterrichten.“ Oder: Im Sommer müsse teilweise bei 40 Grad auf engstem Raum unterrichtet werden. Berichtet wird von „Sportunterricht“ im Klassenraum: „ein Unding“, kontraproduktiv gerade bei Jugendlichen.
Die Brüder-Grimm-Grundschule in Ludwigshafen etwa spricht von „bedenklichen Zuständen“ und ruft zu „zügigem gemeinsamen Dialog“ auf. Hinzu kommen Schilderungen von massiven Sprachdefiziten der Schüler.
Welche Probleme werden noch angesprochen?
So gut wie immer Thema: Lehrer, die ausgelaugt sind oder am Limit arbeiten, aber der Kinder und Jugendlichen wegen weitermachen: „Wir sind erschöpft, frustriert – und dennoch entschlossen, nicht aufzugeben“, lautet der Tenor. Und:„Wir erleben zunehmende Resignation … und Wut über Missstände, die seit Jahren bekannt sind und dennoch ignoriert werden.“
Auch die Zusammenarbeit mit Eltern schildern Pädagogen als schwierig, von hohem Anspruchsdenken ist die Rede, viel Medienkonsum der Kinder, mangelnder Konzentration und teils sogar aggressivem Verhalten der Eltern. Aber auch Eltern fühlen sich allein gelassen bei Problemen wie Mobbing oder gegängelt durch die Behörden.
Kriminalität oder Sprachprobleme: Was wird als schwerwiegender an Brennpunkten wahrgenommen?
Beides belastet, aber auf unterschiedlichen Ebenen. Gewalt wird als akutes Problem benannt, fehlende Deutschkenntnisse behindern dauerhaft den Lernerfolg. „Ohne Sprache keine Bildung – ohne Sicherheit kein Unterricht“, fasst eine Zuschrift zusammen.
Wer wird verantwortlich gemacht?
Häufig genannt: das rheinland-pfälzische Bildungsministerium, das seit 1991 von SPD-Ministerinnen und aktuell von Sven Teuber, einem studierten Pädagogen, geleitet wird, sowie die Schulaufsichtsbehörde ADD. Ihr werden fehlende Unterstützung, Verschweigen oder Druck vorgeworfen: „Es wird ALLES kleingeredet, ignoriert, negiert“, kritisiert zum Beispiel eine Lehrkraft einer Berufsbildenden Schule. Schuld an der maroden Infrastruktur haben aus Sicht der Leser und Leserinnen auch die Schulträger: die Städte, Kreise und Gemeinden. Ludwigshafen allein beziffert den Sanierungsstau an den städtischen Schulen auf fast 300 Millionen Euro.
Und wie geht es den Schülern?
Schüler und Schülerinnen melden sich nicht selbst zu Wort. Es sind vielmehr Lehrkräfte, die positiv über die Mehrheit ihrer Schülerschaft sprechen: „Viele sind „neugierig, lebensfroh … und haben klare Ziele“, heißt es in einer E-Mail. Gleichzeitig bringen etliche belastende Biografien mit. Ein Lehrer sagt: „Die einen werden depressiv, die anderen aggressiv.“
Wie lauten die Forderungen?
Eltern setzen vor allem auf frühe Sprachbildung, Sicherheit und transparente Kommunikation. Lehrkräfte fordern schnelles Handeln, kleinere Klassen, multiprofessionelle Teams, mehr Personal für Schulsozialarbeit, funktionierende Sicherheitsstrukturen, Sanierung der Gebäude und bessere digitale Ausstattung.
Welche Vorbilder werden genannt?
International werden etwa Finnland oder Ontario (Kanada) als Vorbilder angeführt – mit früher Sprachbildung, kleinen Lerngruppen und klarer Schulautonomie. In Rheinland-Pfalz werden Gewalt-Präventionsprogramme genannt. Fazit: Eine klare Haltung zur Bedeutung von Bildung, Kooperation und feste Strukturen sind entscheidend für Lernerfolge und die gesellschaftliche Zukunft.
Quelle: Die Rheinpfalz
