Ob Gaza oder Holocaust: Die Deutschen verstehen Israel nicht
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Israel und Deutschland entfernen sich zunehmend voneinander. Fünf Irrtümer prägen den deutschen Blick auf Israels Politik, Sicherheitsbedürfnis und Gesellschaft – und werfen eine unbequeme Frage zur deutschen Erinnerungskultur auf.
Die Wahl in Israel und die Berichterstattung darüber in Deutschland zeigen einen Abgrund der Missverständnisse. Aus dem Land der Opfer wurde aus der Sicht vieler Deutscher ein Land der Täter.
Man sieht hierzulande in Israel einen aggressiven Militärstaat, der sich nicht wehrt, sondern der angreift. Der nicht Sympathie und Solidarität verdient hat, sondern Zurechtweisung und Sanktionierung.
Antisemitismus heißt nicht mehr Antisemitismus, seit man auf der linken Seite des Spektrums „Solidarität mit Palästina“ skandiert und auf der rechten Seite die alte NPD-Parole wieder zur Leitlinie erhob: „Deutschland den Deutschen.“
In Israel hat man sehr wohl registriert, dass Deutschland driftet. Der Sünder hat als Lehrmeister seinen Auftritt. „Schau in den Spiegel, Europa!“, forderte ein ungehaltener Staatspräsident Jitzchak Herzog in der „NZZ“.
Es sind fünf große Irrtümer, die hierzulande über Israel bestehen:
Irrtum 1: Wir glauben, in Sachen Gaza und Palästina gibt es auch in Israel zwei Lager. Dabei gibt es nur das eine.
Viele bei uns glauben, dass eine Ablösung von Benjamin Netanjahu auch einen Politikwechsel in der Palästinenserfrage bedeuten würde. Bedeutet es definitiv nicht.
Der Konsens der deutschen Bevölkerung – bei einer Umfrage im vergangenen Herbst befanden 83 Prozent der Deutschen das Vorgehen Israels in Gaza als nicht gerechtfertigt – gilt in Israel als minoritär. Im selben Befragungszeitraum nannten dort nur zwei Prozent der befragten jüdischen Israelis, die ein Kriegsende befürworteten, die Situation der Zivilbevölkerung in Gaza als Hauptgrund dafür. Die meisten sorgten sich um die Geiseln, die durch den Krieg in Gefahr gerieten.
Irrtum 2: Die Zwei-Staaten-Lösung wird in Deutschland favorisiert, in Israel nicht.
Deutsche Politiker und Leitartikler wiederholen routiniert ihre Forderung nach einer Zwei-Staaten-Lösung. 63 Prozent halten hierzulande eine Anerkennung Palästinas für den richtigen Weg im Nahen Osten. In Israel unterstützt nur gut ein Viertel der Bevölkerung einen unabhängigen palästinensischen Staat.
Auch Netanjahus Herausforderer Gadi Eisenkot steht in dieser Hinsicht nicht für einen Richtungswechsel. „Wer nach dem 7. Oktober noch an eine Zwei-Staaten-Lösung denkt, ist schlicht verrückt“, sagte er jüngst in einem Interview.
Irrtum 3: Die Israelis priorisieren nicht den Frieden, sondern die eigene Wehrhaftigkeit.
Beim israelischen Militär dienen 169.500 aktive Soldaten und 465.000 Reservisten. Israel gibt fast acht Prozent seiner gesamten Wirtschaftsleistung für das Militär aus, mehr als dreimal so viel wie Deutschland von seinem BIP.
Derzeit leisten Männer in Israel regulär 32 Monate, Frauen meist 24 Monate Wehrdienst. Wie tief das Militär in der Gesellschaft verankert ist, zeigte sich nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023: Innerhalb von nur 48 Stunden mobilisierte die Armee rund 300.000 Reservisten.
Während in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg – auch durch das Verbot einer eigenen Armee – der Pazifismus an Bedeutung gewann, erhob Israel die eigene Wehrhaftigkeit zum nationalen Ideal. Die Wurzeln reichen weit zurück: Bereits 1898 prägte der Zionist Max Nordau den Begriff des „Muskeljudentums“. Die Idee: Dem antisemitischen Bild des schwachen, wehrlosen Juden wollte man einen körperlich starken, selbstbewussten Menschen entgegensetzen.
Auch die Politik ist militärisch geprägt: Mit Jitzchak Rabin, Ehud Barak und Ariel Scharon schafften es drei ehemalige Generäle bis ins Amt des Ministerpräsidenten. Diese Tradition setzt sich fort: Auch Netanjahus Herausforderer Eisenkot war von 2015 bis 2019 Generalstabschef der israelischen Armee.
Irrtum 4: Der Krieg mit dem Iran soll nicht befriedet, sondern möglichst gewonnen werden.
Im März 2026 befürworteten laut einer Erhebung des Jewish People Policy Institute 85 Prozent der jüdischen Israelis die israelisch-amerikanischen Luftangriffe auf den Iran. Donald Trump und seine Militäraktionen „Midnight Hammer“ und „Epic Fury“ waren nirgendwo so beliebt wie in Israel.
Der Iran wird als unfriedlicher Nachbar erlebt, der mit seinen Raketen und Stellvertretermilizen das kleine Israel permanent angreift oder angreifen lässt. Niemand in Israel denkt bei der Straße von Hormus zuerst an den Ölpreis, sondern fast alle an den Blutzoll, den der Iran dem Staat Israel ständig abverlangt.
Irrtum 5: Deutschland hat die richtigen Lehren aus dem Holocaust gezogen, glauben nur die Deutschen.
Die meisten Deutschen denken, sie hätten die Lehren der Vergangenheit verstanden. In Israel wird das so nicht mehr gesehen.
Der Antisemitismusbeauftragte des Landes Brandenburg, Andreas Büttner, ehemals FDP, heute parteilos, pflichtet den Israelis jetzt bei. In einem Artikel für The Times of Israel bringt er es so auf den Punkt:
„Deutschland liebt seine toten Juden. Für sie gibt es Kranzniederlegungen, Gedenkfeiern, Stolpersteine und in jeder Festrede die Sprache feierlicher Betroffenheit. Ein Problem hat dieses Land mit lebenden Juden – sobald sie Forderungen stellen, sobald sie einen Staat haben, der zurückschießt, sobald ihre Sicherheit Geld, Personal und politischen Ärger kostet.“
Er drückt damit das aus, was man in Jerusalem und Tel Aviv denkt:
„Die deutsche Erinnerungskultur ist zu einem Ritual verkommen, das vor allem einem Zweck dient: Es sorgt dafür, dass die Deutschen sich besser fühlen. Den Juden hilft es nicht.“
Denn die unbequeme Wahrheit ist die, dass Juden in Deutschland nicht mehr sicher sind. Politisch werden sie von den Rechten und den linken Rändern angegiftet. 2025 zählte die RIAS 1744 Versammlungen mit antisemitischen Vorfällen, fast 34 pro Woche. RIAS steht für Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus.
Die Tatsache, dass sich die Zahl der antisemitischen Vorfälle in den letzten Jahren mehr als verdreifacht hat und es nach wie vor keinen jüdischen Kindergarten und keine Synagoge gibt, die nicht von der Polizei bewacht werden müssen, wird von der deutschen Bevölkerung mit großer Gleichgültigkeit hingenommen. Über jede Verspätung der Deutschen Bahn regt man sich hierzulande mehr auf.
Fazit: Es gibt in Deutschland ein vorsätzliches Nicht-Verstehen Israels – seiner Ängste, seiner Sehnsüchte, seiner Politik –, das uns beschämen sollte. Der Satz des Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer möge uns – gerade auch dann, wenn wir unsere Israelkritik für berechtigt halten – leiten:
„Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber ihr seid verantwortlich dafür, dass es nie wieder geschieht.“
Quelle: Focus | Bear.red
