Neue Studie zeigt: Wofür die Deutschen wirklich Staatsausgaben wollen
Bild: Goelden.de/KI
Immer höhere Staatsausgaben, aber schwindendes Vertrauen: Eine neue Studie zeigt, welche Ausgaben den Deutschen wirklich wichtig sind – und warum Themen wie Klima und Verteidigung viele Bürger deutlich weniger bewegen, als die Politik annimmt.
In Kürze:
- Eine Studie zeigt: Die Deutschen erwarten viel vom Staat, halten ihn aber zugleich für überfordert, teuer und zu bürokratisch.
- Bei der Frage nach den wichtigsten Staatsausgaben stehen Gesundheit, Pflege und Sicherheit klar vor Klima- und Verteidigungspolitik.
- Die Untersuchung offenbart wachsende politische Spannungen: Während die finanziellen Spielräume schrumpfen, driften die Prioritäten der Wähler immer stärker auseinander.
Wie widersprüchlich das Verhältnis vieler Deutscher zum Staat inzwischen ist, zeigt die dbb-Bürgerbefragung vom Herbst 2025. Einerseits erwarten die Bürger, dass der Staat Sicherheit, Rente, Gesundheitsversorgung und Ordnung gewährleistet, andererseits halten ihn 73 Prozent angesichts der vielen Krisen für überfordert.
Zugleich wächst die Kritik an Bürokratie, Langsamkeit und hohen Kosten des öffentlichen Dienstes, verbunden mit der Forderung nach einem einfacheren, schnelleren und digitaleren Staat.
In dieses Bild passt auch die aktuelle Steuerschätzung vom Mai dieses Jahres. Zwar werden Bund, Länder und Kommunen bis 2030 weiterhin mit Steuereinnahmen von deutlich über 1 Billion Euro jährlich rechnen können, gegenüber der vorherigen Schätzung fehlen jedoch insgesamt rund 81 Milliarden Euro.
Allein dem Bund drohen bis 2029 Mindereinnahmen von mehr als 33 Milliarden Euro. Der finanzielle Spielraum des Staates schrumpft damit spürbar, während die Erwartungen der Bürger an staatliche Leistungen hoch bleiben.
In dieser Lage stellt sich eine einfache, aber politisch heikle Frage: Wofür wollen die Bürger eigentlich, dass der Staat sein Geld ausgibt?
Eine neue Untersuchung, veröffentlicht im aktuellen „Wirtschaftsdienst“ des Leibniz-Informationszentrums Wirtschaft, liefert darauf nun eine ungewöhnlich präzise Antwort. Die Wissenschaftler haben mithilfe eines sogenannten Auswahlexperiments rund 2.500 Menschen befragt, welche Politikbereiche sie für besonders wichtig halten und auf welche sie am ehesten verzichten würden.
Das Ergebnis ist aufschlussreich, weil es nicht nach abstrakten Zustimmungswerten fragt, sondern echte Prioritäten sichtbar macht. Wer mehr Geld für das eine fordert, muss indirekt akzeptieren, dass etwas anderes zurücktritt. Genau diese Abwägung ist der Kern jeder Haushaltspolitik.
Der Alltag schlägt die großen Debatten
Das vielleicht überraschendste Ergebnis lautet: Die großen Aufregerthemen der politischen Debatte sind keineswegs automatisch die wichtigsten Anliegen der Bevölkerung.
Weder Verteidigung noch Klimaschutz stehen ganz oben auf der Prioritätenliste. Stattdessen führt ein Bereich deutlich, nämlich Gesundheit und Pflege. Danach folgen innere Sicherheit, Wirtschaft und Rente.
Erst dahinter kommen Bildung, Energieversorgung und Infrastruktur und weiter unten schließlich Verteidigung und Klimaschutz. Kultur landet mit großem Abstand auf dem letzten Platz.
Das wirkt zunächst banal. Natürlich sorgen sich Menschen um Krankenhäuser, Arzttermine oder Pflegeplätze. Doch gerade darin liegt die politische Brisanz. Die öffentliche Debatte des Jahres 2026 kreist häufig um andere Fragen, etwa um Aufrüstung angesichts der russischen Bedrohung, milliardenschwere Klima- und Transformationsfonds oder geopolitische Wettbewerbsfähigkeit.
Die Bürger dagegen denken offenbar stärker vom Alltag her: an Sicherheit, Gesundheit, Einkommen und Versorgung. Die Studie macht damit eine stille Verschiebung sichtbar: Die politische Klasse diskutiert häufig strategisch, die Bevölkerung dagegen existenziell.
Tiefe Gräben bei Klima und Sicherheit
Das bedeutet keineswegs, dass Themen wie Verteidigung oder Klimaschutz unwichtig wären. Aber ihre Priorität fällt deutlich geringer aus, als es die Lautstärke der Debatte vermuten lässt. Gerade beim Klimaschutz zeigt sich eine erhebliche politische Polarisierung.
Für Anhänger der Grünen ist er das mit Abstand wichtigste Politikfeld. Für AfD-Wähler dagegen gehört er fast ans Ende der Liste.
Ähnlich stark unterscheiden sich die Ansichten bei innerer Sicherheit und Wirtschaftspolitik. FDP-Anhänger gewichten wirtschaftliche Fragen besonders hoch, Union und AfD setzen stark auf Sicherheit, während Wähler von Linken und SPD die Prioritäten gleichmäßiger verteilen.
Auffällig ist jedoch, dass Gesundheit und Pflege fast überall weit oben rangieren. In einer alternden Gesellschaft entsteht hier offenbar ein parteiübergreifender Konsens.
Das ist politisch bedeutsam. Denn viele Konflikte der kommenden Jahre dürften sich weniger daran entzünden, ob der Staat Geld ausgeben soll, als daran, wofür.
Deutschland hat sich lange daran gewöhnt, fiskalische Probleme mit zusätzlichen Mitteln zu entschärfen. Die Staatsquote stieg innerhalb eines Jahrzehnts von gut 44 auf über 50 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Der Bundeshaushalt wuchs massiv. Gleichzeitig wurden Sondervermögen geschaffen, Schuldenregeln ausgesetzt und neue Finanzierungsspielräume eröffnet. Trotzdem verschärfen sich die Verteilungskonflikte.
Mehr Geld löst keine Zielkonflikte
Das verweist auf ein grundlegendes Missverständnis moderner Politik: Mehr Geld beseitigt Zielkonflikte nicht. Es verschiebt sie lediglich.
Selbst ein Staat mit Rekordeinnahmen kann nicht alles gleichzeitig finanzieren. Mehr Geld für Verteidigung bedeutet weniger Spielraum an anderer Stelle. Milliarden für Klimainvestitionen fehlen womöglich bei Infrastruktur oder Pflege.
Jede Ausgabe ist letztlich eine politische Prioritätsentscheidung, auch wenn Regierungen diesen Zusammenhang gern vermeiden.
Genau deshalb ist die Methode der Studie interessant. Die Befragten konnten nicht einfach alles wichtig finden. Sie mussten sich entscheiden: Was ist wichtiger? Worauf könnte man eher verzichten? Dadurch entstehen realistischere Präferenzmuster als in klassischen Umfragen, in denen fast jeder Bereich hohe Zustimmung erhält.
Die Ergebnisse zeigen zudem etwas anderes: Die Bundesrepublik erlebt keine vollständige gesellschaftliche Zerreißprobe, aber eine wachsende Prioritätenkonkurrenz.
Warum die politische Gereiztheit wächst
Es gibt noch gemeinsame Grundlagen, etwa bei Gesundheit, Energieversorgung oder Infrastruktur. Doch bei Themen wie Klima, Sozialleistungen, Sicherheit oder Wirtschaftspolitik driften die politischen Lager sichtbar auseinander.
Die Konflikte verlaufen dabei weniger entlang absoluter Gegensätze als entlang unterschiedlicher Gewichtungen. Kaum jemand hält Klimaschutz für völlig unwichtig. Kaum jemand lehnt Sicherheit grundsätzlich ab. Aber die Reihenfolge der Wichtigkeit verändert sich erheblich.
Gerade darin liegt eine Erklärung für die zunehmende Gereiztheit der politischen Debatte. Viele Wähler erleben, dass ihre eigenen Prioritäten im Regierungshandeln nur unzureichend vorkommen.
Wer steigende Pflegekosten oder marode Schulen als drängendstes Problem empfindet, reagiert anders auf milliardenschwere Klimafonds oder Rüstungsprogramme als jemand, der geopolitische oder ökologische Risiken an die erste Stelle setzt.
Die Studie deutet damit auf eine mögliche Ursache wachsender politischer Entfremdung hin. Wenn Regierungen dauerhaft andere Schwerpunkte setzen als große Teile ihrer Wähler, entsteht leicht der Eindruck, Politik entferne sich vom Alltag der Menschen. Genau daraus speist sich häufig die Attraktivität populistischer Parteien.
Besonders interessant ist dabei ein Detail: Selbst unter Anhängern der Union oder FDP erreicht die Verteidigungspolitik keine absolute Spitzenstellung. Angesichts der „Zeitenwende“, die seit dem russischen Angriff auf die Ukraine den politischen Diskurs prägt, ist das bemerkenswert.
Offenbar betrachten viele Bürger militärische Stärke zwar als notwendig, aber nicht als dominierende Staatsaufgabe.
Die Rückkehr der Prioritäten
Das könnte erklären, warum die Bereitschaft zur Zustimmung groß bleibt, die Begeisterung jedoch begrenzt ist. Sicherheitspolitik wird akzeptiert, aber sie mobilisiert nur eingeschränkt.
Ähnliches gilt für den Klimaschutz. Obwohl er medial und politisch enorm präsent ist, erreicht er nur bei den Grünen-Anhängern absolute Spitzenwerte. In anderen Gruppen rangiert er deutlich niedriger.
Daraus folgt nicht zwingend eine Ablehnung ökologischer Politik. Wohl aber zeigt sich, dass viele Bürger andere Sorgen für unmittelbarer halten: Inflation, Gesundheitsversorgung, Renten oder öffentliche Sicherheit.
Die Bundesregierung steht damit vor einem klassischen Dilemma moderner Demokratien. Sie muss langfristige Herausforderungen wie Klimawandel, geopolitische Bedrohungen und demografischen Wandel bewältigen, während die Bevölkerung häufig kurzfristigere und konkretere Probleme priorisiert.
Gute Politik besteht darin, beides miteinander zu verbinden. Schlechte Politik entsteht dort, wo Regierungen entweder nur auf die Gegenwart reagieren oder ausschließlich strategische Großprojekte verfolgen und darüber den Alltag vergessen.
Gerade im Jahr 2026 bekommt diese Frage besondere Schärfe. Deutschlands finanzielle Spielräume schrumpfen sichtbar. Die Jahre scheinbar unbegrenzter Mittel enden. Damit kehrt etwas zurück, das lange verdrängt wurde, und zwar die Notwendigkeit politischer Priorisierung.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft dieser Untersuchung. Nicht die Tatsache, dass Bürger unterschiedliche Meinungen haben, ist bemerkenswert, sondern dass Politik künftig wieder stärker erklären muss, warum bestimmte Ziele Vorrang erhalten und andere eben nicht. Denn Demokratie bedeutet am Ende nicht nur, Geld auszugeben, sondern zu entscheiden, was wichtiger ist als etwas anderes.
Quelle: Epoch Times (bear. red.)

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