Lage der Landwirtschaft: „Dramatischer als es je war“
Bild: KI
Die Lage der deutschen Landwirtschaft sei besorgniserregend, sagen die Verantwortlichen der Mutterstadter Genossenschaft Pfalzmarkt. Sie bangen um die Versorgungssicherheit.
Es gibt Sätze, die im Gedächtnis bleiben – etwa den der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der Corona-Zeit: „Die Lage ist ernst. Wir alle müssen sie auch ernst nehmen.“ Die Sätze, die die Verantwortlichen des Pfalzmarktes in Mutterstadt (Rhein-Pfalz-Kreis) am Dienstag bei einer Pressekonferenz sagen, klingen ähnlich besorgt.
Der Pfalzmarkt beliefert mit seinen 230 Mitarbeitern Großmärkte und Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland und im Ausland mit 230.000 Tonnen Obst und Gemüse pro Jahr. Das kommt zum größten Teil aus der Pfalz, ein kleinerer Teil kommt mittlerweile aber auch aus dem Ausland, dazu später.
Was die Verantwortlichen der Mutterstadter Genossenschaft umtreibt, ist die Sorge davor, dass es in einigen Jahren nicht mehr genügend Landwirte gibt, die in Deutschland Gemüse und Obst anbauen – und damit die „Versorgungssicherheit“ im Land gefährdet sein könnte.
Sorge um die Versorgungssicherheit
Derzeit kommt 12 Prozent des Obstes und 38 Prozent des Gemüses, das die Deutschen essen, aus dem Inland, berichtet Pfalzmarkt-Vorstand (Verwaltung) Hans-Jörg Friedrich. Wenn allerdings noch mehr Landwirte ihre Betriebe aufgeben, könnte es eng werden. „Gefühlt ist es dramatischer, als es jemals zuvor war“, sagt Friedrich.
Als Gründe für die schlechte Stimmung in der Landwirtschaft nennt er die „krasse Erhöhung“ beim Mindestlohn, eine durch den Irankrieg ausgelöste „Kostenexplosion“ bei Diesel- und Düngerpreisen und Preisdruck aus dem Ausland (dort wird Obst und Gemüse günstiger produziert).
Hinzu komme der hohe bürokratische Aufwand, der hinter der Herstellung von Lebensmitteln steckt – Friedrich kommentiert das sarkastisch: „Es wird immer mehr protokolliert, damit wir ja nicht die Bevölkerung vergiften.
“ Die Politik müsse die Landwirte entlasten, sagt Pfalzmarkt-Vertriebsvorstand Reinhard Oerther: „Wenn es so weiter geht, werden viele Betriebe aufhören, weil sie die Kosten nicht mehr tragen können.“
Christian Deyerling, Aufsichtsratsvorsitzender bei Pfalzmarkt, führt aus, dass der Mindestlohn in den vergangenen fünf Jahren um 49 Prozent gestiegen sei, die Preise für Energie und Kraftstoff um 66 Prozent und für Düngemittel um 40 Prozent – die Erzeugerpreise aber nur zu 18 Prozent: „Die Betriebe leben teilweise von der Substanz.
Da kann man verstehen, wenn die keine Lust mehr haben und aufhören.“ Der Umsatz der Pfalzmarkt-Gruppe lag 2025 bei 300 Millionen Euro. Und damit– aus den genannten Gründen und weil die Kunden zurückhaltender einkaufen – niedriger als im Jahr zuvor (322 Millionen Euro). Das Ergebnis sei „zufriedenstellend“, so Friedrich.
80 Betriebe bauen Obst und Gemüse an
Bis zu 250 Lastwagen verlassen täglich die Hallen in Mutterstadt. Die Genossenschaft vermarktet Obst und Gemüse, das von 80 Pfälzer Betrieben (im Vorjahr noch 90) auf 12.000 Hektar Fläche angebaut wird.
Weil die Verbraucher auch im Winter frische Ware essen wollen, hat die Pfälzer Genossenschaft mittlerweile auch drei größere Mitgliedsbetriebe in Portugal, von denen sie unter anderem Eisbergsalat bezieht.
Und in Ägypten kaufe man beispielsweise Lauchzwiebeln zu – und zwar so lange, bis die aus der Pfalz geerntet werden können. Es geht also darum, dem Lebensmitteleinzelhandel, also den großen Ketten, das ganze Jahr über Ware anbieten zu können, dazu gehörten auch Zitrusfrüchte.
Der Auslandsanteil liegt laut Friedrich derzeit bei 12 Prozent, perspektivisch werde dieser aber wohl steigen, wenn in der Pfalz weniger angebaut wird.
Neben dem Einkauf im Ausland gehört mittlerweile auch ein Dienstleistungsgeschäft zum Portfolio: Im Pfalzmarkt wird Obst und Gemüse, das aus dem Ausland kommt, für den Verkauf in Deutschland fertig gemacht, heißt: kontrolliert, sortiert, gepackt und ausgeliefert.
„Unser Kerngeschäft bleibt die heimische Produktion in der Pfalz, aber wir sind dabei, uns breiter aufzustellen“, sagt Vorstand Oerther.
Forderung: Kein Mindestlohn für Saisonkräfte
Die Diskussion um den Mindestlohn von 13,90 Euro pro Stunde beschäftigt Landwirtschaft und Politik – Landwirte und Winzer fordern, eine Sonderregelung für Saisonarbeitskräfte zu erlassen.
Das Bundeslandwirtschaftsministerium ist im Sommer vergangenen Jahres zum Ergebnis gekommen, dass eine Ausnahme beim Mindestlohn für Saisonkräfte rechtlich nicht zulässig ist. Dies ergebe sich aus dem Gleichbehandlungsgrundsatz im Grundgesetz.
Ein im März veröffentlichtes Gutachten eines Arbeitsrechtlers der Universität Tübingen widerspricht dieser Einschätzung nun. Professor Christian Picker kommt zu dem Ergebnis, dass ein Abschlag vom Mindestlohn für Saisonarbeitskräfte zulässig ist.
„Für besonders mindestlohnbetroffene Branchen wie den arbeitsintensiven Obst-, Gemüse- und Weinbau könne eine solche Sonderregelung verfassungsrechtlich nicht nur zulässig, sondern unter Umständen sogar geboten sein“, wird der Arbeitsrechtler in einer Mitteilung eines Bündnisses von acht Verbänden der grünen Branche zitiert, die das Gutachten beauftragt haben. Ein Mindestlohnabschlag von 20 Prozent verstoße weder gegen das Grundgesetz noch gegen europäisches Recht.
Pfalzmarkt-Vorstand Friedrich sagt: „Beim Mindestlohn muss was getan werden.“ Der Bundesausschuss für Obst und Gemüse – der die Bauern in dem Bereich vertritt – fordere zudem, den Arbeitsmarkt für Saisonarbeitskräfte zu öffnen, es sollte möglich sein, sie aus der ganzen Welt anzuwerben.
Dass es neben der Politik und dem preisbestimmenden Lebensmitteleinzelhandel noch eine andere Marktmacht gibt, daran erinnert Aufsichtsratsvorsitzender Deyerling: „Der Verbraucher ist ganz wichtig. Er muss zugreifen, wenn Obst und Gemüse erntefrisch in den Regalen liegt.“
Quelle: Die Rheinpfalz

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