Unsere Gesellschaft scheitert oft an organisierter Dummheit

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Dummheit kann schön und lustig sein, aber auch das Gegenteil. Bild: Goelden.de

Menschen handeln oft gegen jede Vernunft — nicht aus Bosheit, sondern wegen Systemen, Routinen und kollektiver Schwarmdummheit.



Frau Kowalski aus dem zweiten Stock hat seit drei Wochen einen Wasserschaden. Sie weiß es. Der Vermieter weiß es nicht — weil Frau Kowalski ihn nicht angerufen hat. Dafür hat sie ihre Schwester angerufen, ihre Freundin Brigitte, und zweimal die Nachbarin von gegenüber. Der Fleck an der Decke wächst derweil still vor sich hin. Das ist kein Einzelfall. Das ist die Spezies. Man könnte jetzt denken: Das ist doch nur Bequemlichkeit. Schüchternheit. Ein schlechter Tag. Aber was, wenn es kein schlechter Tag ist — sondern ein Muster, das sich durch jede Ebene unseres Lebens zieht?

Warum Menschen offensichtliche Probleme nicht lösen

Der italienische Ökonom Carlo M. Cipolla hat das vor Jahrzehnten auf eine Formel gebracht, die klingt wie ein Witz und sich anfühlt wie ein Spiegel: Ein dummer Mensch schadet anderen, ohne sich selbst einen Vorteil zu verschaffen — und häufig schadet er dabei auch sich selbst. 

Logik spielt keine Rolle. Konsequenzen auch nicht. Die Zahl dieser Menschen wird immer unterschätzt. Immer. Unabhängig davon, wie klug das Umfeld aussieht. Es sieht meistens sehr klug aus.

Im Büro: Wenn Intelligenz kollektiv verschwindet

Das Projekt läuft seit acht Monaten. Alle Beteiligten sind kompetent, motiviert, gut bezahlt. Das Ergebnis: mittelmäßig. Alle erschöpft. Niemand weiß genau warum.

Gunter Dueck, Mathematiker und ehemaliger IBM-Chefstratege, hat diesem Phänomen einen Namen gegeben: „Schwarmdummheit”. Intelligente Menschen kommen in Organisationen zu schlechteren Ergebnissen als einzeln — nicht, weil sie plötzlich dumm werden, sondern weil die Struktur es so will. 

Kennzahlen, die niemand mehr versteht, aber alle pflegen. Meetings, die Entscheidungen vertagen. Prozesse, die Kontrolle simulieren und Chaos produzieren. Ab 85 Prozent Auslastung wächst der Rückstand mit jedem weiteren Prozent exponentiell — trotzdem gilt Vollauslastung als Tugend. Wer brennt, gilt als engagiert. Wer Luft hat, als faul. Man nickt. Man versteht es. Man macht es trotzdem. Das ist kein Versagen von Individuen. Das ist Cipolla in Reinform: Schaden ohne Nutzen, kollektiv produziert, von lauter Menschen mit Hochschulabschluss.

Am Telefon: Mein persönlicher Beitrag zur Forschung

Ich muss an dieser Stelle kurz von meinem Stromversorger erzählen. Nicht weil es schön war. Sondern weil es lehrreich war — im cipollanischen Sinne.
Die Rechnung stimmte nicht. Zu viel abgebucht, falscher Zeitraum, klarer Fehler. Ich rief an. Nach acht Minuten Warteschleife mit Musik, die sich anhörte wie ein Fahrstuhl auf dem Weg zur Hölle, meldete sich Kevin. Kevin war freundlich. Kevin war auch vollkommen außerstande, das Problem zu lösen — weil er, wie er erklärte, keinen Zugriff auf Rechnungsdaten hatte. Dafür gebe es eine andere Abteilung. Er verbinde mich. Die andere Abteilung war nicht erreichbar. Kevin auch nicht mehr.

Unternehmen bauen oft Systeme gegen ihre Kunden

Ich rief erneut an. Diesmal meldete sich Sandra. Sandra hatte Zugriff auf die Rechnungsdaten, konnte aber keine Korrekturen vornehmen — dafür, erklärte sie mit echter Anteilnahme, sei eine schriftliche Anfrage per Post notwendig. Per Post. Im Jahr 2025. Ich fragte, ob eine E-Mail auch gehe. Sandra sagte, das wisse sie leider nicht, dafür müsse ich die andere Abteilung fragen. Die andere Abteilung, ergänzte sie hilfreich, sei am besten telefonisch erreichbar.

Ich legte auf. Die falsche Abbuchung blieb noch zwei Monate, bis ich einen Brief schrieb. Per Post.

Kevin und Sandra wollten mir helfen. Das Unternehmen hatte ein System gebaut, das genau das verhindert. Niemand war böse. Das Ergebnis war trotzdem zum Haare raufen — für beide Seiten. Dueck nennt das Schwarmdummheit: wenn eine Organisation aus lauter vernünftigen Einzelteilen ein kollektiv unvernünftiges Ganzes baut.

In der Politik: Die teuerste Dummheit ist die gut gemeinte

Hier liegt die eigentliche Konfliktlinie — und sie ist unbequemer als jede Parteiendebatte: Wir wissen, wie es besser ginge. Die Politiker wissen es auch. Trotzdem passiert das Falsche. Das ist kein Widerspruch. Das ist das System.

Cipollas fünftes Gesetz ist das gefährlichste: Dummheit ist schlimmer als Bosheit, weil sie kein Ziel hat. Ein korrupter Politiker schadet gezielt. Ein inkompetenter mit guten Absichten schadet unkontrolliert, ohne Fahrplan, ohne Bremse. Er produziert keine Feinde. Er produziert Verheerung.

Die deutsche Energiepolitik der vergangenen zwanzig Jahre ist ein Lehrstück. Atomausstieg beschlossen, Kohlekraftwerke weiterbetrieben, Erneuerbare gefördert, Netzausbau verschlafen. Höchste Strompreise Europas. Ein Industriestandort, der wankt. Kein einziger Beteiligter wollte das. Keiner hat gelogen, keiner hat gestohlen. Sie haben in Legislaturperioden gedacht — während Stromnetze Jahrzehnte brauchen. Zwei Zeitlogiken, die sich gegenseitig ausschließen. Beide stimmen. Genau das ist das Problem. Kurz vor jedem großen Debakel sagt irgendjemand: So dumm kann doch niemand sein. Dann passiert es trotzdem. Cipolla hatte auch dafür ein Gesetz.

Im Alltag: Demokratisch verteilt, täglich geliefert

Die Dummheit fragt nicht nach Bildung oder Einkommen — das ist Cipollas zweites Gesetz, und irgendwie auch das tröstlichste, weil es uns alle gleichmacht. Autofahrer, die auf der linken Spur bremsen, weil rechts jemand auffährt. Kommentarspalten, in denen stundenlang über Dinge gestritten wird, die keiner überprüft hat. WhatsApp-Gruppen, in denen Falschinformationen die Runde machen, während sich alle wundern, warum die Schule nicht mehr kommuniziert.

Dueck nennt eine besonders elegante Spielart davon die „Mesa-Kommunikation” — das endlose Reden auf der Objektebene, ohne je auf die Ebene darunter zu kommen. Der Kollege, der die Klimaanlage aufdreht, ohne zu fragen, ob den anderen auch zu heiß ist. Die Behörde, die das Formular zurückschickt, weil ein Feld falsch ausgefüllt wurde — statt einen kurzen Anruf zu machen. Das Ergebnis ist in beiden Fällen dasselbe: Reibung ohne Ergebnis, Aufwand ohne Nutzen, Frust auf allen Seiten. Schaden ohne Nutzen. Das dritte Gesetz, jeden Tag, überall.

Was man konkret tun kann — ohne sich selbst zu verbiegen

Es können keine Patentrezepte geliefert werden. Das ist ehrlich. Aber ein paar Dinge lassen sich aus beiden Analysen destillieren, die im Alltag tatsächlich funktionieren.

  • Das System benennen, nicht den Menschen. Wer Kevin anbrüllt, löst das Problem nicht — das System bleibt. Wer dagegen fragt „Wer kann das für mich lösen, und wie erreiche ich denjenigen direkt?” umgeht die Schwarmdummheit, statt gegen sie anzurennen.
  • Den eigenen Beitrag erkennen. Frau Kowalski ist nicht das Opfer ihrer Situation. Sie ist ein aktiver Teil davon. Das klingt hart — aber es ist der einzige Hebel, den man wirklich hat. Wer wartet, dass das System klüger wird, wartet lange.
  • Komplexität misstrauen. Dueck beschreibt, wie Organisationen ihre eigene Komplexität als Beweis für Wichtigkeit behandeln. Das Gegenteil stimmt: Je komplizierter ein Prozess, desto wahrscheinlicher ist er das Produkt von Schwarmdummheit. Die Frage „Warum machen wir das so?” ist keine Unverschämtheit. Sie ist Hygiene.

Der Mensch ist klug genug für Kernspaltung, Impfstoffe und Sinfonie. Er ist offenbar nicht klug genug, in Gruppen vernünftig zu entscheiden, langfristig zu denken oder die Fehler zu meiden, die er selbst kennt. Das ist kein Grund zur Verzweiflung. Es ist ein Grund zur Wachheit.

Frau Kowalski übrigens hat inzwischen auch ihre Mutter angerufen. Der Fleck an der Decke ist jetzt so groß wie ein mittelgroßer Seeigel. Der Vermieter weiß es immer noch nicht. Aber die Freundin Brigitte hat immer noch ein sehr gutes Ohr dafür.

Quelle: Focus.de

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