Luxusgut Haustier: Der Tierarzt wird bald unbezahlbar
Bild: Gemini KI/Goelden.de
Die Tierarztkosten explodieren geradezu. Dokumentarfilmer Berndt Welz warnt: Neue Gebühren und Konzernkliniken könnten Hund und Katze für Rentner und Geringverdiener unbezahlbar machen.
400 Euro für eine Nacht in der Tierklinik. 390 Euro für eine Kaninchen-Kastration. 19.000 Euro für die Behandlung eines schwer kranken Katers, der kurz darauf eingeschläfert wurde. Es sind Fälle wie diese, die der Dokumentarfilmer Berndt Welz für seinen Film „Tierisch teuer – was hinter den hohen Tierarztkosten steckt“ recherchiert hat.
Seine These, die er im Interview mit dem „Stern“ äußert, ist drastisch: Die Tierarztkosten könnten so stark steigen, dass sich Menschen mit wenig Geld Haustiere bald kaum noch leisten können.
Warum Tierarztbesuche so teuer geworden sind
Die Ursache sieht Welz vor allem in drei Entwicklungen:
- der neuen Gebührenordnung für Tierärzte,
- der kleinteiligen Abrechnung einzelner Leistungen und
- dem Einstieg großer Konzerne in den Markt.
Ende 2022 wurde die Gebührenordnung reformiert. Seitdem dürfen viele Leistungen deutlich höher abgerechnet werden. Eine Routineuntersuchung einer Katze koste nun nicht mehr rund acht Euro, sondern etwa 23 Euro, sagt Welz.
Dazu kommt: Tierärzte können je nach Aufwand mit dem einfachen, zweifachen oder dreifachen Satz abrechnen, im Notdienst sogar noch höher. Außerdem gibt es in der Tiermedizin keine Fallpauschalen wie in Krankenhäusern. Nach Welz’ Darstellung kann deshalb jeder einzelne Handgriff, jedes Material, jeder Schlauch und jedes Tuch einzeln auf der Rechnung landen. So entstehen lange, kleinteilige Rechnungen, die viele Halter kaum verstehen.
Besonders kritisch sieht Welz, dass große Konzerne den Tiermedizinmarkt für sich entdeckt haben. Mars und Nestlé verdienen längst nicht mehr nur an Tierfutter. Über Beteiligungen und Tochterunternehmen sind sie auch im Geschäft mit Tiermedizin, Kliniken und Tiergesundheit aktiv. Investoren hätten erkannt, wie lukrativ dieser Markt sei, sagt Welz. In Deutschland würden Tiere besonders häufig als Familienmitglieder gesehen. Genau diese emotionale Bindung mache hohe Renditen möglich.
Kranker Kater, elf Tage Behandlung, 19.000 Euro Rechnung
Besonders drastisch ist der Fall eines schwer kranken Katers, den Welz in seiner Recherche schildert. Das Tier war 16 Jahre alt, hatte Leukämie, eine Chemo hinter sich und weitere schwere Erkrankungen. Elf Tage lang wurde es behandelt. Am Ende stand laut Welz eine Rechnung über 19.000 Euro. Kurz darauf wurde der Kater eingeschläfert.
Wird in solchen Situationen klar genug darüber gesprochen, ob eine Behandlung dem Tier wirklich noch hilft oder ob sie vor allem das Leiden verlängert? Laut Welz hätten die Halter nach eigenen Angaben nicht ausreichend über die Möglichkeit gesprochen, dem Tier weiteres Leid zu ersparen.
Lange Rechnungen, kaum Kontrolle, überforderte Halter
Tierhalter sind emotional verletzlich, weil sie ihr Tier lieben und rechtlich verpflichtet sind, es angemessen versorgen zu lassen. Gleichzeitig verstehen viele die langen Rechnungen kaum.
Wer in dieser Situation fragt, ob eine Behandlung wirklich nötig ist, fühlt sich schnell herzlos. Genau das macht die Lage so schwierig: Die Entscheidung fällt nicht in Ruhe, sondern in Angst, Schuldgefühl und Hoffnung.
Kontrolliert werden Tierarztrechnungen nur begrenzt. Die Tierärztekammern prüften vor allem, ob eine Rechnung formal korrekt sei. Ob eine Behandlung überzogen oder wirtschaftlich unverhältnismäßig war, sei für Halter nur schwer nachzuweisen.
Im schlimmsten Fall landen Tiere dadurch im Heim oder werden gar nicht erst rechtzeitig behandelt. Das ist besonders problematisch, denn Tiere erfüllen für viele Menschen einen wichtigen sozialen Zweck: Sie geben Halt, Struktur und Nähe. Wenn sich gerade diese Menschen kein Haustier mehr leisten können, entsteht nicht nur ein privates Problem, sondern auch ein gesellschaftliches.
Werden Haustiere zur Klassenfrage?
Ein Hund ist für viele Rentner nicht einfach ein Hund. Er ist Begleiter, Tagesstruktur, Trost. Eine Katze ist für viele Menschen nicht bloß ein Tier, sondern Familie. Doch genau dieses Zusammenleben könnte in Deutschland für Menschen mit wenig Geld zunehmend unbezahlbar werden.
Die zentrale Frage lautet deshalb: Was passiert, wenn Menschen ihr Tier jahrelang als Familienmitglied betrachtet haben, es im Ernstfall aber nicht retten können, ohne selbst in finanzielle Not zu geraten? Wer mehrere Tausend Euro Rücklagen hat, kann anders entscheiden als jemand mit kleiner Rente, Bürgergeld oder geringem Einkommen.
Gerade deshalb wird der Tierarztbesuch zur sozialen Frage. Nicht jeder Halter kann eine vierstellige Rechnung zahlen. Und nicht jeder kann in einer Ausnahmesituation nüchtern entscheiden, welche Behandlung medizinisch sinnvoll und welche nur noch teuer ist. Eine politische Antwort auf dieses Problem ist bislang kaum erkennbar.
So senken Tierhalter teure Behandlungskosten
Bei Beschwerden sollten Halter nicht automatisch in die Tierklinik fahren. Wenn keine akute Lebensgefahr besteht, ist der niedergelassene Haustierarzt meist die bessere erste Adresse. Er kennt das Tier, kann Symptome einordnen und behandelt oft günstiger als große Kliniken mit Spezialtechnik und Notdienststruktur.
Vor planbaren Eingriffen sollten Halter immer nach einem Kostenvoranschlag fragen. Wichtig sind konkrete Nachfragen:
- Welche Untersuchung ist zwingend nötig?
- Was kann warten?
- Gibt es eine günstigere Alternative?
- Lässt sich die Behandlung stufenweise angehen?
Auch eine Zweitmeinung kann Kosten senken, besonders bei Operationen, langen Therapien oder vierstelligen Summen. Solange kein Notfall vorliegt, sollten Halter nicht sofort unter Druck zusagen.
Hilfreich ist außerdem, die eigene finanzielle Grenze früh offen anzusprechen. Viele Praxen können dann zuerst das medizinisch Dringende behandeln und zusätzliche Diagnostik nur bei Bedarf einplanen.
Besonders wichtig ist ein finanzieller Notfalltopf. Denn ein gesundes Tier können sich viele Menschen noch leisten. Ein krankes Tier vielleicht bald nicht mehr.
Quelle: Focus.de

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