Was man bei Achtsamkeit falsch machen kann
Bild: KI
Vorsicht: Vor allem mit psychischen Problemen sollte man sich professionelle Betreuung suchen.
Mit geschlossenen Augen sitzen, den Atem spüren, die Gedanken ziehen lassen, ohne sie zu bewerten. Die eigenen Gefühle einfach so akzeptieren, wie sie sind. Achtsamkeit ist beliebt und gilt als eines der Allheilmittel unserer Zeit: Wer achtsam atmet, lebt gesünder, glücklicher und gelassener – so zumindest das Versprechen zahlloser Ratgeber.
Und tatsächlich können sich achtsamkeitsbasierte Übungen nachweislich positiv auswirken: Sie können Stress verringern, die Lebensqualität steigern, Ängste reduzieren und bei Depressionen helfen. Am besten untersucht ist das von dem Achtsamkeitsguru Jon Kabat-Zinn entwickelte achtwöchige Gruppenprogramm „Mindfulness-Based Stress Reduction“, bei dem man etwa in Übungen mit seiner Aufmerksamkeit durch den eigenen Körper wandert.
Doch allmählich offenbart sich: Achtsamkeit bringt nicht nur Vorteile. Das fängt schon damit an, dass man durch Achtsamkeitsübungen lernt, die eigenen Emotionen zu regulieren. Die Gefühle können sich auf diesem Weg abschwächen. An sich eine gute Sache, wenn man beispielsweise wütend oder verärgert ist.
Was aber, wenn unsere Emotionen dazu beitragen, dass wir moralisch handeln? Fügen wir etwa einem anderen Menschen durch unser Handeln Schaden zu, nagen oft Schuldgefühle an uns. Sie fördern die Bereitschaft, den angerichteten Schaden wiedergutzumachen. Bleiben diese Schuldgefühle aus, fehlt häufig auch der Antrieb zur Wiedergutmachung.

Das Gefühlsleben lässt nach
Wie sich Achtsamkeit auf moralisches Handeln und prosoziales Verhalten auswirkt, untersuchte ein Team um Simon Schindler, Professor für Psychologie an der Berliner Hochschule für öffentliche Verwaltung. Die Forscher ließen Probanden zunächst eine Achtsamkeitsübung in Form einer Atemmeditation absolvieren. Personen in der Kontrollgruppe konnten hingegen ihre Gedanken frei schweifen lassen.
Dann zeigten die Wissenschaftler den Teilnehmern ein Video, das Tierleid und Umweltfolgen der Fleischproduktion dokumentierte. Anschließend sollten die Probanden angeben, inwieweit sie beabsichtigten, ihren Fleischkonsum künftig zu reduzieren.
Ergebnis: Teilnehmer, die zuvor eine Achtsamkeitsübung absolviert hatten, äußerten im Durchschnitt weniger Bereitschaft, ihren Fleischkonsum herunterzufahren als die Kontrollgruppe. Schindler und seine Kollegen führten noch weitere Teilstudien durch – nicht alle kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Dennoch geht Schindler davon aus: „Achtsamkeit kann zu weniger prosozialem Verhalten führen und zu verminderten moralischen Reaktionen.“
Der Grund: Wenn man mit Achtsamkeit Schuldgefühle gewissermaßen „wegmeditiere“, würden die eigenen moralischen Reaktionen eben schwächer ausfallen.
Individualismus schadet nur
Ob Achtsamkeit tatsächlich zu weniger prosozialem Verhalten führt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. 2021 untersuchten Forscher von der University at Buffalo, ob es einen Unterschied macht, dass sich jemand als sozial abhängig oder unabhängig von anderen Menschen wahrnimmt. Als sozial abhängig definierten die Forscher in einer Teilstudie Probanden, die in einem Fragebogen Sätze bejahten wie: „Wenn ich an mich denke, denke ich oft auch an meine engen Freunde oder meine Familie.“
In einer weiteren Teilstudie manipulierten die Wissenschaftler experimentell gezielt, ob sich die Teilnehmer als abhängig oder unabhängig betrachteten. In beiden Teilstudien führte dann eine Achtsamkeitsübung bei unabhängig eingestellten Individuen zu weniger prosozialem Verhalten, bei Personen mit abhängiger Selbstsicht hingegen zu mehr hilfsbereitem Verhalten.
Tendenziell empfinden Menschen in asiatischen, gemeinschaftlich geprägten Ländern ihre Beziehungen zueinander als stärker miteinander verflochten. In der ursprünglich buddhistischen Tradition geht es bei Achtsamkeit um innere Einsicht und um die Entwicklung von Mitgefühl mit anderen. Der Westen propagiert hingegen Individualismus. Im der westlichen Kultur besteht daher die Möglichkeit, dass man Achtsamkeit lediglich als Technik zur Effizienzsteigerung oder zur selbstzentrierten Persönlichkeitsoptimierung nutzt.
Man versucht beispielsweise belastbarer zu werden, indem man dem Stress auf der Arbeit mit Achtsamkeit begegnet. Darauf weist Roland Purser in seinem Buch „McMindfulness: How Mindfulness Became the New Capitalist Spirituality“ hin.
Das eigene Erleben akzeptieren
Die Wirkung von Achtsamkeitstraining hänge davon ab, welche Werte und Absichten dahinter steckten, betont Forscher Schindler. „Praktiziert man Achtsamkeit, weil man karriereorientiert mehr Leistung bringen möchte?“ Oder wolle man im ursprünglichen buddhistischen Sinne das eigene Ego hinterfragen, Leiden reduzieren und ein friedvolleres Leben führen?
Dient Achtsamkeit nur der individuellen Selbstoptimierung, sieht Simon Schindler eine gesellschaftliche Gefahr. Denn Probleme wie Überlastung bei der Arbeit werde auf den Einzelnen abgeschoben anstatt nach Lösungen zu suchen. Die Menschen würden sich mit Hilfe von Achtsamkeitsübungen an ein krankmachendes Leistungssystem anpassen, anstatt dass man das System den Bedürfnissen der Menschen anpasse.
Laut der Psychologin Sandra Schmiedeler von der Universität Würzburg basiert eine derartige Entwicklung auf einem Missverständnis: „Achtsam etwas wahrzunehmen und es zu akzeptieren bedeutet nicht, die Umstände hilflos zu akzeptieren und anzunehmen.“ Es bedeute beispielsweise nicht, eine stressige Arbeit weiter auszuüben oder eine belastende Beziehung zu einem anderen Menschen klaglos weiterzuführen.
Vielmehr gehe es darum, das eigene Erleben in Bezug auf die Arbeit oder die eigene Beziehung zu akzeptieren. „Die Gefahr dieses Missverständnisses ist, dass man gar nicht mehr versucht, an problematischen sozialen Umständen etwas ändern zu wollen“, sagt Schmiedeler. Man versuche dann nur noch, seine Gefühle zu optimieren und anzupassen.
Kein Allheilmittel
Auf die Risiken und Nebenwirkungen von Achtsamkeit verweist auch eine Studie von der Brown University in den USA. Die Forscher ließen Probanden mit Depressionen an einer achtwöchigen achtsamkeitsbasierten kognitiven Therapie teilnehmen. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer erlebte achtsamkeitsbezogene Nebenwirkungen, die sie als unangenehm empfanden.
Häufig nannten die Versuchspersonen etwa Angst, Panik, das Wiedererleben eines Traumas oder Schlaflosigkeit. Bei einem Teil der Versuchspersonen hielten die Nebenwirkungen länger an – von einem Tag bis hin zu einem Monat.
„Oft wird Achtsamkeit als Allheilmittel propagiert“, sagt Sandra Schmiedeler. Nach dem Motto: „Wenn ich meditiere, wird alles gut.“ Das stimme natürlich nicht. Durch Achtsamkeit geht es erst einmal darum, mehr Bewusstheit zu erlangen. Und dann könne es durchaus sein, dass man sich erst einmal schlechter fühle, noch mehr innere Unruhe verspüre oder mehr negative Gedanken wahrnehme.
Für bestimmte Patientengruppen kann Achtsamkeit sogar problematisch sein: etwa für Menschen mit starken Traumata wie Missbrauchserfahrungen, Menschen mit psychotischen Symptomen oder Menschen, die ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Körper haben.
„Diese Menschen brauchen große Sicherheit“, erklärt Schmiedeler. Sie bräuchten die Begleitung durch eine Person, die sich mit Achtsamkeit und mit den jeweiligen Symptomen auskenne. Entsprechend geschulte Therapeuten könnten so genau schauen, welche Übungen hilfreich sind – und welche nicht.
Quelle: Die Rheinpfalz

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