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Deutschland sitzt auf Rohstoffen – und nutzt sie nicht

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Wird heiß diskutiert. Bergbau in Deutschland. Bild: KI

Deutschlands Industrie braucht immer mehr Metalle für Energiewende und Digitalisierung. Doch das Land ist bei fast allen strategischen Rohstoffen auf Importe angewiesen. Dabei lagern unter deutschem Boden Metalle, die kaum genutzt werden.

Deutschland gilt als rohstoffarmes Land. Die Warnungen der Politik vor einer prekären Abhängigkeit von außereuropäischen Rohstofflieferanten und den damit verbundenen Kostenrisiken finden in einer bereits 2022 vorgelegten EY-Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums eine fundierte Bestätigung.

Das Papier zeichnet das Bild einer deutschen Wirtschaft, die im Zuge von Digitalisierung und Dekarbonisierung bei 39 von 46 strategisch relevanten Rohstoffen vollständig auf Importe angewiesen ist. Insbesondere die dominante Marktstellung Chinas, das bei der Hälfte der untersuchten Materialien als weltweiter Spitzenreiter agiert, wird als Machtposition beschrieben.

Neben China benennt diese Studie auch Länder wie die Türkei (91 Prozent der weltweiten Produktion des Halbmetalls Bor), Südafrika (84 Prozent des weltweiten Rhodiums), Australien (82 Prozent des weltweiten Lithiums) und Brasilien (88 Prozent des weltweiten Niobs).

„Diese Zahlen stellen beispielhaft die Marktmacht der jeweiligen Regierungen dar, die den Zugang zu kritischen Mineralien für multinationale Unternehmen in Zukunft erschweren können“, heißt es dazu in der Studie.

Zunehmender Ressourcennationalismus

Hinzu kommt, so die Prognose in der Studie, dass sich das Tempo dieses sogenannten Ressourcennationalismus in vielen mineralstoffreichen Ländern in den nächsten Jahren weiter beschleunigen dürfte. Die „geopolitische Dynamik“ und das Bestreben vieler Regierungen, „sich bei strategischen Produkten selbst zu versorgen“, werde die „traditionellen grenzüberschreitenden Lieferketten“ erschweren, so die Studie.

Vor diesem Hintergrund ist laut EY zu erwarten, dass einige rohstoffreiche Staaten versuchen werden, ihre Rolle in der Energiewende zu stärken, indem sie den Export unverarbeiteter Mineralien einschränken und mehr Wertschöpfung im eigenen Land erzwingen. Als Beispiel nennt die Studie Indonesien. Das dort verhängte Exportverbot für Nickelerz sei Teil einer Strategie, eine heimische Verhüttungsindustrie aufzubauen, und könne als Vorbild für andere Länder dienen.

Zugleich könnten Regierungen noch weitergehende Schritte unternehmen, um staatlichen Einfluss auf die Förderung und den Export kritischer Rohstoffe zu sichern. So verweist die Studie auf Mexiko, wo vorgeschlagen wurde, dem Staat die ausschließliche Kontrolle über den Lithiumabbau zu übertragen. Auch China gehe in diese Richtung. Dort sei 2022 ein neues Staatsunternehmen gegründet worden, das rund 70 Prozent der heimischen Produktion Seltener Erden kontrollieren soll.

Versorgungssicherheit wichtige Aufgabe der Wirtschaftspolitik

Vor diesem Hintergrund definiert die Studie die Versorgungssicherheit nicht länger nur als Aufgabe der Unternehmen, sondern als „eine der wesentlichen Aufgaben der Wirtschaftspolitik“, da eine bestehende hohe Abhängigkeit von einem oder nur wenigen Lieferländern eine hohe Anfälligkeit der Lieferketten nach sich ziehe.

Gerade für Schlüsseltechnologien der Energiewende, Batterien, Elektromotoren, Halbleiter, benötigt die Industrie große Mengen an Metallen und Mineralien. Doch während über Versorgungssicherheit diskutiert wird, bleibt ein anderer Befund erstaunlich wenig beachtet: Unter deutschem Boden lagern Rohstoffe – Lithium, Silber, Kupfer, Erdgas, Salze oder Industrieminerale –, teilweise in wirtschaftlich relevanten Mengen, trotzdem werden sie kaum abgebaut.

Geothermie Anlage. Bild: KI


Der Widerspruch ist offensichtlich: Deutschland klagt über Rohstoffabhängigkeit, nutzt seine eigenen Lagerstätten jedoch nur begrenzt. Die Gründe dafür sind wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich zugleich.

Rohstoffe im eigenen Boden

Deutschland ist kein rohstoffreiches Land im klassischen Sinne. Große Eisenerzvorkommen wie in Australien, Brasilien oder China fehlen. Dennoch gibt es eine Reihe von Lagerstätten, die zumindest regional bedeutend sind.

Besonders viel Aufmerksamkeit hat in den vergangenen Jahren Lithium erhalten. Der Rohstoff gilt als ein zentraler Baustein der Energiewende, weil er in großen Mengen für Batterien benötigt wird, etwa für Elektroautos, Smartphones oder stationäre Stromspeicher.

Mit dem weltweiten Ausbau der Elektromobilität und erneuerbarer Energien hat sich daher auch das Interesse an Lithium deutlich verstärkt. Regierungen, Unternehmen und Investoren betrachten den Rohstoff zunehmend als strategisch wichtig. Entsprechend intensiv wird inzwischen über seine Förderung, Versorgungssicherheit und die ökologischen Folgen des Abbaus diskutiert.

Ein Beispiel für diese Entwicklung findet sich auch in Deutschland. Im Oberrheingraben zwischen Karlsruhe und Basel zirkuliert heißes Tiefenwasser mit vergleichsweise hohen Lithiumkonzentrationen. Unternehmen planen, dort das Metall aus geothermalen Solelösungen zu gewinnen.

Das wäre ein Verfahren, das im Idealfall zwei Ziele zugleich erfüllt, nämlich die Gewinnung erneuerbarer Energie und die Förderung eines strategisch wichtigen Rohstoffs für moderne Batteriesysteme.

Auch im Erzgebirge, einer historischen Bergbauregion, befinden sich sogenannte lithiumhaltige Glimmer. Dort wurden über Jahrhunderte Silber, Zinn und später Uran gefördert. Geologische Untersuchungen zeigen, dass auch heute noch relevante Mengen vorhanden sind. Neben Metallen verfügt Deutschland über bedeutende Lagerstätten von Industriemineralen.

Kaliumsalze, die etwa als Dünger verwendet werden, werden seit Jahrzehnten gefördert, ebenso Steinsalz und Kalkstein. Diese Rohstoffe spielen eine wichtige Rolle für Chemieindustrie, Bauwirtschaft und Landwirtschaft.

Auch Energierohstoffe sind vorhanden. Erdgas wird vordergründig in Niedersachsen weiterhin gefördert, wenn auch deutlich weniger als früher. Schiefergasvorkommen, also Gas, das mittels Fracking gewonnen werden könnte, gelten geologisch als vorhanden, werden jedoch politisch kaum genutzt.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Deutschland über Rohstoffe verfügt, sondern warum sie kaum gefördert werden.

Teurer als der Weltmarkt

Ein wesentlicher Grund liegt in der Wirtschaftlichkeit. Rohstoffförderung ist ein globaler Wettbewerb. Unternehmen investieren dort, wo sie Metalle oder Mineralien möglichst günstig gewinnen können.

Deutschland hat im internationalen Vergleich hohe Kosten. Löhne, Energiepreise, Umweltauflagen und bürokratische Verfahren treiben die Produktionskosten in die Höhe.

Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft waren die Lohnstückkosten, also die Kosten, die ein Unternehmen an Lohnkosten zahlen muss, um ein Produkt herzustellen, 2024 im Vergleich um 22 Prozent höher als im weltweiten Vergleich und 15 Prozent höher als im europäischen Ausland. In vielen Fällen ist es daher schlicht günstiger, Rohstoffe aus Ländern zu importieren, in denen Förderung einfacher oder großskaliger möglich ist.

Das gilt besonders für Metalle. Silber aus Mexiko, Lithium aus Chile oder Kupfer aus Peru werden häufig unter geologischen Bedingungen gefördert, die deutlich ergiebiger sind als europäische Lagerstätten. Auch wenn Vorkommen in Deutschland vorhanden sind, sind sie oft kleiner oder schwerer zugänglich.

Hinzu kommt ein zweiter Faktor: Bergbau ist kapitalintensiv und langfristig. Unternehmen müssen Milliarden investieren, lange bevor überhaupt 1 Gramm Metall verkauft wird. Solche Investitionen sind nur attraktiv, wenn die politischen Rahmenbedingungen stabil und Genehmigungsverfahren kalkulierbar sind. Genau hier liegt ein weiterer Unterschied zu klassischen Bergbauregionen auf der Welt.

Genehmigungen dauern Jahre

In Deutschland kann die Entwicklung einer neuen Mine ein Jahrzehnt oder länger dauern. Umweltprüfungen, Planfeststellungsverfahren, Bürgerbeteiligung und Klagewege führen zu langen Projektlaufzeiten.
Diese Verfahren sind Ausdruck eines starken Umwelt- und Rechtsstaats. Sie sorgen dafür, dass Eingriffe in die Landschaft, das Grundwasser oder in Ökosysteme sorgfältig geprüft werden.

Für Investoren bedeuten sie jedoch ein erhebliches Risiko. Wer heute mit der Planung beginnt, weiß oft nicht, ob ein Projekt überhaupt genehmigt wird, und wenn ja, wann.

Besonders sichtbar wird dieser Konflikt bei Lithiumprojekten im Oberrheingraben.

Befürworter sehen darin eine Chance für europäische Rohstoffsouveränität. So betont das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) die strategische Bedeutung der Lithiumvorkommen im Oberrheingraben. „Theoretisch könnten bestehende Geothermiekraftwerke im Oberrheingraben und im Norddeutschen Becken zwischen zwei und zwölf Prozent des jährlichen Lithiumbedarfs in Deutschland decken“, sagt Valentin Goldberg vom Institut für Angewandte Geowissenschaften des KIT, der dieses Potenzial gemeinsam mit einem Team auf Basis einer umfangreichen Datenanalyse berechnet hat.

Demgegenüber steht jedoch der Widerstand lokaler Bürgerinitiativen, die vor unkalkulierbaren Risiken wie Mikrobeben, die Gebäudeschäden verursachen, warnen. Der Bundesverband Geothermie schreibt in einem Hintergrundpapier zu induzierter Seismizität (Mikrobeben):

„Die internationale Erfahrung beim Betrieb von Geothermieprojekten hat gezeigt, dass diese induzierte Seismizität auslösen können.“

Der Widerstand gegen neue Bergbauprojekte folgt häufig einem bekannten Muster: Rohstoffe gelten als notwendig, doch der Abbau soll möglichst nicht vor der eigenen Haustür stattfinden.

Deutschlands schwierige Rohstofffrage

Die Folge ist eine hohe Importabhängigkeit. Deutschland bezieht, so weist die aktuelle DERA-Rohstoffliste aus, einen Großteil seiner metallischen Rohstoffe aus dem Ausland. Für viele strategische Metalle dominiert China die Verarbeitung oder Förderung. Lithium kommt häufig aus Australien oder Südamerika, Silber aus Mexiko und Peru, seltene Metalle aus asiatischen oder afrikanischen Staaten.

Diese globalen Lieferketten sind wirtschaftlich effizient, aber geopolitisch sensibel. Die Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hat gezeigt, wie schnell Abhängigkeiten zum politischen Problem werden können. Ähnliche Risiken bestehen auch bei Rohstoffen, wie gerade der Konflikt im Iran zeigt.

Deshalb diskutieren Politik und Industrie zunehmend über „strategische Autonomie“. Die Europäische Union versucht mit Initiativen wie dem Critical Raw Materials Act, den Zugang zu wichtigen Metallen zu sichern. Dazu gehört auch die Idee, mehr Rohstoffe in Europa selbst zu fördern. Deutschland steht dabei vor einer grundsätzlichen Entscheidung: Soll das Land seine eigenen Lagerstätten stärker nutzen oder weiterhin vor allem auf den Weltmarkt setzen?

Deutschland befindet sich damit in einem strategischen Spannungsfeld. Einerseits wächst der Bedarf an Rohstoffen, nicht zuletzt durch Energiewende, Digitalisierung und Elektromobilität. Andererseits ist der Abbau im eigenen Land teuer, politisch umstritten und gesellschaftlich sensibel. Die Alternative bleibt der Import. Doch dieser macht abhängig von globalen Märkten und geopolitischen Entwicklungen. Die Frage lautet deshalb nicht nur, ob Deutschland über Rohstoffe verfügt, sondern wie viel heimischen Bergbau eine hoch entwickelte Industriegesellschaft bereit ist zu akzeptieren, um ihre Versorgung zu sichern.

Quelle: Epochtimes

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