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Dank des weltweiten Booms beim Ausbau von Erneuerbaren, gerade von Windkraft- und Solaranlagen, ist das bisherige Worst-Case-Szenario beim Klimawandel bis 2100 nicht mehr möglich. Bild: Gemini KI/Goelden.de

Wie Populisten die wissenschaftliche Neubewertung des Weltklimarats umdeuten.


Zunächst die gute Nachricht: Das extremste Szenario des Klimawandels ist gerade verworfen worden. Skeptiker jedoch nutzen den Vorgang, um die Wissenschaft zu diskreditieren und das Ende aller Klimaschutzmaßnahmen zu fordern.

Was genau ist passiert?
Klimaforschende aus der ganzen Welt arbeiten im „Coupled Model Intercomparison Project (CMIP) daran, Klimamodelle verschiedener Institute zusammenzuführen und zu bewerten. Im April haben sie ihre überarbeiteten Ergebnisse veröffentlicht.

Darin gilt das Worst-Case-Szenario RPC8.5, wonach die globale Durchschnittstemperatur bis zum Jahr 2100 um bis zu 4,8 Grad steigen könnte, nun als unrealistisch und wurde verworfen. Diese Ergebnisse bilden die Grundlage für den nächsten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC.

Warum haben die Forschenden das Worst-Case-Szenario verworfen?


Das Szenario wurde mit weiteren vor 15 Jahren erarbeitet – vier Jahre bevor sich die Welt 2015 in Paris auf ein Klimaschutzabkommen verständigt hat. Schon damals galt es als höchst unwahrscheinlich. Es beruhte auf der Annahme, dass fossile Energiequellen, allen voran die besonders klimaschädliche Kohle, ungebremst und in sehr großen Mengen genutzt würden.

In diesem Szenario hätte sich der CO 2 -Gehalt in der Atmosphäre bis 2100 verdreifacht. Dass diese Möglichkeit nun vom Tisch ist, erklären die Autoren mit dem weltweiten Boom erneuerbarer Energien, der anhalten werde.

Hat sich die Wissenschaft geirrt?


Das suggerieren diejenigen, die Klimawandel und Klimaschutz skeptisch sehen – allen voran Donald Trump. Der US-Präsident ist der einzige, der sein Land aus dem Pariser Abkommen geführt hat. Er bezeichnet den Klimawandel als „größten Schwindel aller Zeiten“. Alle anderen knapp 200 Staaten der Welt sind weiter an Bord – nur der Iran, Libyen und Jemen haben den Vertrag nie unterzeichnet.

In einer Nachricht auf seiner Plattform Truth Social schrieb Trump Mitte Mai, dass der oberste Klimarat der Vereinten Nationen gerade zugegeben habe, seine eigenen Prognosen (RCP8.5) seien „FALSCH! FALSCH! FALSCH!“ gewesen.

Auch in Deutschland hat diese Erzählung an Fahrt aufgenommen – durch polulistische Medien, befeuert durch die AfD, die das Thema vergangene Woche in den Bundestag eingebracht hat. Wie Trump sprach auch der AfD-Abgeordnete Karsten Hilse vom Klimawandel als „größtem Betrug, der jemals an der Menschheit begangen wurde“. Ingo Hahn forderte: „Weg mit den Klimagesetzen!“

Was sagt die Wissenschaft dazu?


Grundsätzlich halten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dagegen, dass dies ein normaler Vorgang sei: Forschende entwickeln anhand vorliegender Daten Szenarien, die sie in regelmäßigen Abständen überprüfen und gegebenenfalls korrigieren.

Klimaszenarien seien keine Vorhersagen, betonte Professor Elmar Kriegler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in der ARD. Er hat am neuen CMIP-Bericht mitgearbeitet, für den der niederländische Klimaforscher Detlef van Vuuren als Hauptautor verantwortlich zeichnet.

Dem „Tagesspiegel“ sagte van Vuuren, dass die Neubewertung keine Entwarnung bedeute. „Auch unser neues Hoch-Emissions-Szenario hätte dramatische Auswirkungen auf das Klima der Erde.“ Es sieht eine Erwärmung von 3,5 Grad vor. Die hohen Temperaturen des verworfenen RCP8.5 würden dann erst um das Jahr 20150 erreicht.

Im neuen Bericht entwerfen die Forschenden sieben Szenarien. Gemäß aktueller Trend und mit Blick auf derzeit gültige politische Entscheidungen wäre demnach im Jahr 2100 mit einer globalen Erderwärmung von 2,5 Grad zu rechnen. Die 1,5 Grad, auf die sich die Welt im Pariser Abkommen verständigt hat, sind derweil selbst in den beiden Best-Case-Szenarien nicht mehr erreichbar.

Und wie reagiert die Politik auf die Schelte der AfD?


Das SPD-geführte Bundesumweltministerium bemühte sich auf Instagram um Aufklärung. Klimamodelle seien keine Ideologie, sondern Naturwissenschaft, heißt es in einem Post. „Die Klimakrise bleibt ernst.“ Und: „Jedes Zehntel-Grad weniger Erderwärmung macht einen Unterschied.“

Im Bundestag erntete die AfD Gegenwind von allen anderen Parteien. „Wir sehen den Kurs in der internationalen Klimapolitik durch den Wegfall des Extremszenarios bestätigt“, sagte etwa Mark Helfrich (CDU). Die Anstrengungen dürften nun nicht nachlassen.

Julia Schneider von den Grünen verglich das Klima mit einem schwer kranken Patienten im Krankenhaus, bei dem die Behandlung anschlägt. „Genau in diesem Moment kommt jemand rein und sagt: „Na also, war doch alles gar nicht so schlimm, dann können wir die Behandlung ja abbrechen“, so Schneider. „Genau so argumentieren diese Menschen hier rechts“, sagte sie in Bezug auf die AfD.

Quelle: Die Rheinpfalz

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